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Wie ich mit meinen Träumen umgehe

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In diesem Beitrag schildere ich, wie ich mit meinen Träumen umgehe. Nach einer jahrelangen Beschäftigung mit meinen Träumen hat sich eine Routine etabliert, mit der ich sie mir zu erschliessen versuche. 

Ich bin in diesem Sinne Expertin aus Erfahrung, bringe aber keinerlei Ausbildung mit. Als Laiin habe ich mir verschiedene Ansätze der Traumdeutung wie die von Carl Gustav Jung oder Fritz Perls etwas hemdsärmelig auf ein für mich praktikables Level herunter gebrochen. 

Der folgende Text gibt meine Vorgehensweise bei der Traumdeutung wieder, die sich nach und nach heraus geschält hat. Es ist bestimmt nicht die allein seligmachende Art und Weise, zugleich eine für mich ergiebige und bereichernde. 

Wie ich früher meinen Träumen begegnete

Früher drängte es mich, eine eindeutige Antwort auf die Frage zu erhalten, worum es in einem Traum nun eigentlich geht und was er mir bitte schön sagen will. Ich hoffte, für diverse Entscheidungen meines Lebens klare Hinweise zu erhalten. Ich hatte die Vorstellung, dass meine Träume eine Art allwissende Instanz in mir repräsentieren, die mir sagen kann, ob ich mit meinen Leben auf dem Holzweg bin oder nicht. Von dieser Instanz wünschte ich mir unmissverständliche Signale.

Neidisch war ich auf Menschen, die, inspiriert durch einen Traum, plötzlich Entscheidungen mit weitreichenden Folgen trafen. „Ich träumte von einem brennenden Busch. Da wusste ich, ich muss die Ausbildung beginnen“ erzählte mir beispielsweise ein Freund. Der Traum beziehungsweise dieses Traumbild macht für ich keinen Sinn, aber darauf kommt es nicht an. Der Traum macht für meinen Freund Sinn. Er verlieh ihm eine schlafwandlerischer Sicherheit, mit der er die lange und kostspielige Ausbildung meisterte.

Diesen als lästig empfundenen Wiederholungstraum, den ich in zig Varianten träumte, den hätte ich dagegen liebend gern wie bei einem Traum-Lieferservice abbestellt. Ich kam mir zu reif für diesen Traum vor. Schließlich glaubte ich, ihn seit langem verstanden zu haben. 

Und zu guter Letzt habe ich geschmollt, wenn ich einen Traum hatte, der mir zusetzte. Ich sehnte mich nach den guten Träumen; die, die mich inspirieren und mir ein Gefühl von Erhabenheit vermitteln.

Es ist, als ob mein früheres Ich mit seinen Traumdeutungs-Aktivitäten bestrebt war, Fleißkärtchen beim Unbewussten zu sammeln und diese in schöne und richtungsweise Träume einzutauschen.

Ihr ahnt schon – das hat nicht geklappt.  

Heute: Mit meinem Unbewussten zusammenkommen 

Ich denke nicht gerne in Kategorien von „besser“ oder „schlechter“, aber Ausnahmen bestätigen die Regel. So denke ich manchmal, ich habe etwas Besseres erhalten als Fleißkärtchen einzutauschen.

Ich begreife meine Träume mittlerweile als ein Gegenüber, das mit mir zusammen die Höhen und Tiefen des Lebens auslotet. Ein Gegenüber, das ehrlich ist und sich nicht verbiegen lässt. Es kann recht direkt sein und dann wieder lässt es seine Eindrücke nur vage durchschimmern, wie Lichtreflexe auf bewegtem Wasser: Ich kann sie sehen, aber sie sind kaum fassbar, sie scheinen in keinem geordneten Zusammenhang zu stehen und sich zufällig zu ergeben.

Für mich ist klar geworden, dass es keine fixe Botschaft gibt, die das Unbewusste mittels eines Traum sendet. Eine Botschaft, die ich dann nur noch richtig entschlüsseln muss. Diese Ansicht geht davon aus, dass das Unbewussten genau weiß, welche Botschaft es mir zu welchem Zweck sendet. In mir ist jedoch der Eindruck entstanden, dass das Unbewusste keiner derartigen Zielorientierung unterliegt.

Ich sehe das Unbewusste als Teil des Allwissenden, aber nicht als das Allwissende an sich. Ich habe es mit meiner früheren Haltung ganz schön überfordert.

Es ist für mich hilfreicher wie auch nützlicher, das Unbewusste als eine Instanz zu sehen, die selbst im Prozess ist, und die die Dinge auf eigene Art und Weise wahrnimmt sowie bewertet. Ein Geflecht von Emotionen, Gedanken, Eindrücken; ein Netzwerk an Informationen, die auf wunderbare Weise miteinander verbunden sind.

Mein Unbewusstes verarbeitet das aktuelle Geschehen, reflektiert Entwicklungen in meinem Leben und gibt Hinweise, wie es den Lauf der Dinge empfindet und einordnet. Die Botschaften, die es sendet, sind vielschichtig und können von verschiedenen Standpunkten aus betrachtet werden.

Und meine Erfahrung ist: Je weniger ich erwarte, dass meine Träume mir wie auf Knopfdruck einen Hinweis geben, desto mitteilungsfreudiger werden sie. Wie das bei guten Gesprächen mit einem Gegenüber halt oft der Fall ist: sie brauchen Zeit, Raum und Pflege. „Mal eben Dialog machen“ geht nicht. In diesem Punkt ist das Unbewusste sehr menschlich. 

Mein Umgang mit Träumen 

1) Den Traum einfangen 

Für die erste Aufzeichnung eines Traums nutze ich die Sprachmemo-Funktion meines Smartphones. Wenn ich aus einem Traum erwache, greife ich zu meinem Handy, das im Flugmodus neben meinem Bett liegt. Ich erzähle das Geträumte und versuche, es detailgetreu beschreiben:

  • Was ist passiert?
  • Wie habe ich mich während des Traums gefühlt?
  • Woran erinnern mich das Geschehen und meine Gefühle? 

Manchmal ist eine Szene derart prägnant, dass ich sie als Erstes beschreibe, obwohl sie erst gegen Ende des Traums auftauchte. Generell ist es manchmal schwierig, einen Traum in der richtigen Reihenfolge zu beschreiben. Es kommt vor, dass mir erst beim Sprechen bestimmte Szenen wieder einfallen, die zuvor passiert sind. Bei einem Sprachmemo macht das nichts – ich halte all dies dann mündlich fest – sozusagen als Regieanweisungen, wie ich den Traum später aufzuschreiben habe.  

Später transkribiere ich den Traum in mein Logbuch. Dabei gebe ich ihn in der Reihenfolge wieder, wie ich ihn träumte. 

2) Das Logbuch führen 

Ich führe ein Traumtagebuch, ich nenne es Logbuch. Denn ich empfinde das Träumen wie eine Fahrt auf dem großen Gewässer namens Unbewussten. Die Einträge im Logbuch beginnen mit Angabe des Datums, der Uhrzeit, des Ortes und des Wetters. Dies dient der Orientierung, wo ich mich beim Aufzeichnen des Traums befinde. 

Des Weiteren notiere mir Stichworte zu den folgenden Punkten. Dies schärft mein Bewusstsein, in welchem Lebenskontext der Traum auftritt: 

  • Wie ist meine Stimmung? Wie sieht es in den einzelnen Lebensbereichen aus? Was beschäftigt mich tagsüber?
  • Was ist gestern (oder in den letzten Tagen) geschehen? Oft sind Träume eine unmittelbare Verarbeitung dessen, was im Alltag geschieht. Deshalb schaue ich, was es am Vortag oder in der jüngsten Vergangenheit an Ereignissen gab.
  • Auf welchem Kurs befinde ich mich? Worauf bewege ich mich zu? Was sind die Planungen für die nächsten Tage? 

Dann erst schreibe ich den Traum nieder. 

3) Den Traum entdecken 

Zwischen dem Entdecken des Traums und einer möglichen Interpretation liegt ein wichtiger Schritt. Ich bin eine Freundin davon, diese Schritte zu trennen, wobei das nicht immer einfach ist oder gelingt. Doch wenn ich zu schnell auf die Interpretation springe, können wertvolle Informationen verloren gehen. Ich versuche, den Traum aus verschiedenen Blickwinkeln zu erschliessen und die einzelnen Puzzleteile zu sortieren. 

3.1 Liste mit Traumsymbolen erstellen 

Ich halte Ausschau nach Symbolen in meinem Traum:

  • Personen / Lebewesen 
  • Objekte / Gegenstände 
  • Handlungen / Tätigkeiten 
  • Landschaften / Orte 
  • Weitere Begebenheiten 

Hinter jedem Begriff notiere ich mir stichwortartig, wofür er steht beziehungsweise stehen könnte. Dies ist ein vielschichtiger, intuitiver Prozess. Es ist eine Art Brainstorming zu den einzelnen Begriffen: 

  • Woran erinnert mich dieser Begriff? Was verbinde ich mit ihm? Welche Assoziationen, Erinnerungen oder Wortspiele löst er aus? Wie würde ich das Traumsymbol charakterisieren? 
  • Gibt es eine Art „objektivere“ Deutungsmöglichkeit? Gibt es Parallelen zu Märchen, Mythen oder kollektiven Symbolen?
  • Welche Szene aus dem Traum würde ich malen? Warum? 
3.2 Dynamiken erkennen 

Nun versuche ich Dynamiken oder Lösungsvarianten zu erkennen. Wichtig ist, an dieser Stelle beschreibend zu bleiben und nicht zu werten. 

  • Wenn ich das Traumgeschehen aus der Vogel-Perspektive betrachte, kann ich eine Lösung oder eine bestimmte Entwicklungsrichtung erkennen? Diese Frage kann auch räumlich verstanden werden (z.B. es geht bergauf/bergab, hin und her, es wird enger/weiter/tiefer, etc.).
  • Wo, an welcher Stelle tritt im Traum eine Veränderung ein, an welcher Stelle gibt es eine Wendung?
3.3 Gefühle wahrnehmen 

Bei Gefühlen geht es um zweierlei: Gefühle, die im Traum enthalten sind, und Gefühle, die der Traum auslöst, wenn ich ihn erzähle. 

  • Ich nehme mir das Traumsymbol, das mich am meisten fasziniert oder irritiert, und versetze mich in es hinein: Wie fühlt sich dieses Traumsymbol? 
  • Ich erzähle den Traum laut, so als ob ich ihn einer anderen Person berichte. Dabei achte ich auf die Gefühle, die dabei in mir ausgelöst werden. Ausserdem beobachte ich mein weiteres inneres Geschehen beim Erzählen: Wo fange ich an zu stocken, welche Passage fällt mir schwer, wo spüre ich Abwehr oder Widerstand, welche Szene gefällt mir?

4) Mögliche Interpretationen zulassen 

Zum Schluss nehme ich alles zusammen und stelle mir selbst die folgenden Fragen: 

  • Wenn ich mein Unbewusstes als eigenständige Person betrachten würde – was beschäftigt diese Person gerade? Und was bringt sie mit dem Traum zum Ausdruck?
  • Träume kompensieren manchmal das Alltags-Bewusstsein. Was wird im Traum deutlich, das mir im Alltag nicht bewusst ist oder wofür ich mir keine Zeit nehme?
  • Wenn der Traum eine Botschaft für mich enthalten würde, welche könnte dies sein? 
  • Zu welcher Handlung fühle ich mich inspiriert? 

Dieses Vorgehen liest sich auf Anhieb recht aufwändig. Doch ein großer Teil ist Übung. Zudem braucht meiner Erfahrung nach nicht jeder Traum auf diese Weise „untersucht“ zu werden. Wie in anderen kommunikativen Situationen kann ich die eine oder andere Bemerkung meines Gegenübers einmal stehen lassen, ohne mich dabei respektlos zu verhalten. Ich zeichne einen solchen Traum auf, mehr nicht.

Dieser Text ist H.W. und H.G. gewidmet. 

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