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Was uns alle angeht, müssen wir alle miteinander angehen

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Gedanken zur Sterbebegleitung

Sterben ist eine Erfahrung, der sich niemand entziehen kann. Wir sind alle Sterbende. Jeden Tag wachsen wir dem Sterben entgegen. Uns trennt nichts von Menschen, die sterben – außer dem Zeitpunkt (und selbst das ist gar nicht mal so gewiss). 

Der Journalist Roland Schulz schreibt: „Der moderne Mensch denkt über den Tod wie über den Weltraum: Er existiert zweifelsohne irgendwo da draussen – aber im tiefsten Herzen sind wir sicher, niemals durch seine Dunkelheit zu wandeln.“*

Das ist einer der Hauptgründe, mich mit Sterbebegleitung auseinanderzusetzen: Ich denke, dass wir diejenigen, die jetzt auf ihrer Reise in den intergalaktischen Raum sind, nicht alleine lassen sollten. 

Andreas Heller, Professor für Palliative Care an der Universität in Graz, drückt es so aus (und von ihm habe ich mir die Überschrift zu diesem Beitrag ausgeliehen):

„Was uns alle angeht, müssen wir alle miteinander angehen.“

Werden Menschen nach ihren Ängsten bezüglich des Sterbens befragt, dann ist die Angst vor Einsamkeit eine der prägnantesten und am häufig genanntesten. Dabei geht es um den Wunsch nach spürbarer Nähe und Solidarität sowie nach der Bereitschaft, wahrhaftige Gespräche zu existenziellen Fragen führen zu können. Doch sich mit Sterbenden auseinanderzusetzen, ihnen mit Zuwendung letztendlich das zu geben, wovor man selbst Angst hat (nämlich keine Zuwendung am Lebensende zu erhalten), dazu sind viele Menschen nicht bereit. Das ist eine große, kollektive Ambivalenz im Umgang mit dem Thema Sterben. 

„Ich habe keine Angst vor dem Sterben. Ich möchte bloss nicht dabei sein, wenn es passiert.“ Woody Allen

Psychische und physische Stärke, scheinbar unendliche Möglichkeiten der Selbstverwirklichung und Autonomie sind zentrale Werte unserer heutigen Gesellschaft. Moderne Sterbebegleitung beinhaltet die Möglichkeit, eine Kultur zu entwickeln, die auch mit ihren Gegenteilen umgehen kann: Eine Kultur, die Schwäche, Endlichkeit und Abhängigkeit nicht per se als Defizit definiert. Eine Kultur, die das Sterben wieder als fassbaren, spürbaren, sichtbaren Teil des Lebens in den Alltag integriert. Darin zeigt sich die wahre Flexibilität und Agilität einer Gesellschaft.

Roland Schulz beschreibt die kollektive Hilflosigkeit und Verunsicherung im Umgang mit Sterbenden aus Perspektive eines Betroffenen:

„Du spürst, wie deine Stellung verrückt. Menschen beginnen, auf dich anders zu reagieren, in Worten, in Taten, besonders in Gedanken. Diese verstohlene Rücksicht. Dieses unterdrückte Unbehagen. Das hektische Überspielen. Es fühlt sich an, als hätten sie auf einem Schlag verlernt, auf natürliche Weise mit dir umzugehen. Du kannst dabei zusehen, wie deine Krankheit, den Kreis deiner Freunde und Kollegen verformt. Manche meiden dich. […] Manche bestürmen dich. […] Die meisten Menschen in deinem Umfeld sind sich jedoch überhaupt nicht sicher, wie sie mir dir umgehen sollen.“*

Experten der Palliative Care empfehlen eine innere Haltung der Wahrhaftigkeit im Umgang mit Sterbenden. Eine Wahrhaftigkeit, die nach Ehrlichkeit strebt und sich transparent macht. Die für das, was dann zum Vorschein kommt, einsteht. Sich selbst und dem anderem gegenüber.

Aus meiner Sicht beinhaltet dies, eine Direktheit oder Unmittelbarkeit im Umgang mit Menschen zu erlernen, die weder verletzend, unhöflich noch brachial ist. Sondern die sich aufrecht, fein und achtsam an dem orientiert, was gerade ist. Die die Freiheiten und Schönheiten entdeckt, die sich offenbaren, wenn keine unbehaglichen Spielchen des Beschönigens oder Zurechtbiegens mehr gespielt werden. 

In Kontakt mit Sterbenden zu sein, heißt gleichzeitig in Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit und Vulnerabilität zu sein. Die Lyrikerin Hilde Domain drückt dies so aus: 

Unterricht

Jeder der geht
belehrt uns ein wenig
über uns selber.
Kostbarster Unterricht
an den Sterbebetten.
Alle Spiegel so klar
wie ein See nach großem Regen,
ehe der dunstige Tag
die Bilder wieder verwischt.

Nur einmal sterben sie für uns,
nie wieder.
Was wüßten wir je
ohne sie?
Ohne die sicheren Waagen
auf die wir gelegt sind
wenn wir verlassen werden.
Diese Waagen ohne die nichts
sein Gewicht hat.

Wir, deren Worte sich verfehlen,
wir vergessen es.
Und sie?
Sie können die Lehre
nicht wiederholen.

Dein Tod oder meiner
der nächste Unterricht:
so hell, so deutlich,
daß es gleich dunkel wird.

Hilde Domin (1909 – 2006)

* Die Zitate stammen aus dem Buch So sterben wir – Unser Ende und was wir darüber wissen sollten von Roland Schulz

Bildnachweis: Pixabay (www.pixabay.com)

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