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Sein altes Ich einfach sterben lassen? 

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„Wenn Sie Ihr Leben beenden wollen, dann beenden Sie doch Ihr Leben. Aber dafür müssen Sie doch nicht sterben. Beenden Sie Ihr Leben hier und gehen Sie weg.“

Das sagt in dem Film „Gegen die Wand“ der Arzt einer psychiatrischen Klinik zum lebensmüden Cahit Tomruk. Cahit reagiert zynisch: „Darf ich mal was sagen, Herr Doktor?! Sie haben doch voll den Knall, oder?“ Der Arzt lächelt darauf hin.

Sein Leben beenden. Indem man weggeht.

Meine Mutter arbeitete lange Zeit in einer leitenden Position. Wenn eine Mitarbeiterin kündigte, um ambitioniert woanders eine neue Stelle anzutreten (bei der dann natürlich alles viel besser sein sollte) pflegte sie lakonisch zu sagen: „Du kannst gehen wohin du willst, du nimmst dich selbst doch immer mit.

Ist das so? Verheddern wir uns immer wieder in den Fängen des „alten“ Ichs?  Oder können es zurück lassen wie eine Haut, die wir ein für alle Mal abstreifen? 

Fake it until you make it?

Auf der gymnasialen Oberstufe belegte ich „Psychologie“ als Wahlpflichtfach. In diesem Kurs lasen wir den Bericht einer Therapie, von der Therapeutin verfasst. Die Klientin ist eine verheiratete Lehrerin in ihren 30ern, die bulimisch ist. Laut der Therapeutin sind die Ess-Brech-Anfälle ihrer Klientin eine dysfunktionale Strategie, fehlendes Selbstbewusstsein zu kompensieren. Statt ihre Bedürfnisse zu leben, schlucke die Lehrerin diese hinunter. Das könne nicht funktionieren, deshalb müsse sie diese dann wieder erbrechen.

In Rahmen der Therapie bekommt die Lehrerin den Auftrag, einen Tag lang die selbstsichere Frau zu simulieren, die sie gerne wäre. Nach diesem Tag berichtet die Lehrerin enthusiastisch, wie sie mit einem Mal souverän vor ihrer Klasse stand. Ihre Schüler waren ruhiger und aufmerksamer. Sie selbst sprach im Unterricht freier, weil sie sich nicht mehr krampfhaft an ihren Unterrichtsvorbereitungen festhielt. Es wurde sogar ungezwungen gelacht – das hatte es so zuvor nicht gegeben. Und das war erst der Anfang eines Tages, an dem vieles anders verlief als sonst. 

Die Therapeutin ist erfreut, als ihre Klientin von diesem Tag berichtet. Und mahnt sogleich: Dies sei nicht die Realität, sondern nur ein Fake (wie man heute dazu sagen würde). Deshalb sei es nun wichtig, die vermeintlich selbstbewusste Frau wieder ziehen zu lassen. In naher Zukunft würden sie zunächst  an den Ursachen der Bulimie arbeiten, um dann step by step ein „echtes“ Selbstbewusstsein aufzubauen.

Mir ist damals beim Lesen des Berichts klar geworden, dass wir in einer gewissen Hinsicht unsere Probleme jeden Morgen aufs Neue konstruieren, obwohl wir sie los werden möchten. Irgendwo habe ich gehört, dass der Entscheid, eine Psychotherapie zu machen, genau genommen der Plan ist, sein Problem erneut zu erleben.

Also, – heißt das nun für mich, jeden Morgen aufzustehen in dem festen Vorhaben, ab heute der Mensch zu sein, der ich sein will? Zunächst hatte ich damals den Eindruck, das könne funktionieren. Ausserdem unterstellte ich der Therapeutin, dass sie ihre Klientin aus Sorge um ihr eigenes Einkommen zurück pfeift.

Gewohnheiten und Routinen: Andocken an das Ich der Vergangenheit

Über die Jahre, in denen ich mich und andere Menschen besser kennen lernte, hat sich mir eine andere Interpretationsmöglichkeit für das Verhalten der Therapeutin eröffnet. Ich frage mich, ob sie ihre Klientin kurzfristig vor Enttäuschung und langfristig vor einem neuen Desaster schützen wollte. Weil sie um die Macht der Gewohnheiten weiß und weil sie sicherstellen will, dass ihre Klientin nicht ein destruktives Muster durch das nächste ersetzt. 

„Veränderung bedeutet, die Gewohnheit aufzugeben, man selbst zu sein.“ Dr. Joe Dispenza

Die Crux bei Veränderungen ist, dass wir quasi aus Gewohnheiten bestehen. Wir Menschen funktionieren zum allergrössten Teil in unbewussten Routinen, das ist für unser Gehirn energiesparend und effizient. Müssten wir über alles, was wir tun, bewusst nachdenken, kämen wir nicht vom Fleck. 

Eine innere Haltung – wie etwa „nicht selbstbewusst sein“ – ist eine miteinander verschaltete Gruppe von verschiedener Gedanken, die in uns in gewohnter Art und Weise emotionale Reaktionen und konditionierter Verhaltensweisen bewirkt. So eine Haltung mag destruktiv sein, es fühlt sich dennoch vertraut an und vermittelt damit eine spezifische Form der Sicherheit. Sie zu verändern heisst, einen Teil von vertrauten Gedanken, Emotionen und Handlungen aufzugeben und sich auf Neues einzulassen, das noch nicht bekannt ist. Wir haben in unserem Erfahrungsgedächtnis keine Referenz dazu abgespeichert und probieren etwas aus, von dem wir denken, es müsste sich so oder so anfühlen.

An dieser Stelle gilt es achtsam zu sein, welches neue Verhalten wir uns antrainieren, welche neue Gruppe von Gedanken wir als wahr anerkennen. Denn wer möchte – ich formuliere das überspitzt – vom sorgfältigen Mauerblümchen zum konzeptlosen Schwätzer mutieren?

Sein Leben an einem neuen Ort beenden 

Wenn das Ich zu einem großen Anteil aus Gewohnheiten besteht, dann können wir es nicht wie eine Haut abstreifen, ohne tatsächlich zu sterben. Das einzige was möglich ist, ist ein längerer Häutungsprozess. Und dieser Häutungsprozess wird an einem neuen Ort begünstigt. Denn wenn man sein Leben beendet und weggeht, dann werden alleine durch den Ortswechsel zahlreiche alte, eingefahrene Muster durcheinander gebracht. Es ist eine Chance, sie durch konstruktivere zu ersetzen.

In dem Sinne erscheint der Rat des Psychiaters nicht verkehrt. Vielleicht lächelt er deshalb still vor sich hin – er weiß, dass er keinen Knall hat.

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Bildnachweis: Pixabay.com

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