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Graphic Novels, Hochsensibilität und Minimalismus

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Warum es sinnvoll ist, visuelle Reize sorgfältig zu wählen 

Neu habe ich das Genre Graphic Novel für mich entdeckt. Mich beeindruckt, mit wie wenig und gezielten Pinselstrichen eine vielschichtige, tiefgehende Handlung erzählt werden kann. Atmosphäre aufbauen, Stimmungen einfangen, Emotionen auslösen – all dies gelingt mit verhältnismäßig einfachen stilistischen Mitteln. 

Dies sind die Graphic Novels, die ich mir als Newbie in dieser Bücher-Gattung zu Gemüte führte (für diejenigen, die sich inspirieren lassen möchten): 

  • Der Traum von Olympia – Die Geschichte von Samia Yusuf Omar (Reinhard Kleist). Die wahre Geschichte einer somalischen Läuferin, die auf ihrer Flucht nach Europa im Mittelmeer ertrank. 
  • Der spazierende Mann (Jiro Taniguchi). Geschichten über einen Mann, der in einem Vorort spazieren geht – eine Hommage an die unspektakulären Momente des Alltags. 
  • Das Unbekannte (Anna Sommer). Demaskierende Geschichte über Menschen auf ihrer Suche nach Liebe und Anerkennung. 
  • Fünfttausend Kilometer in der Sekunde (Manuele Fior). Mehrfach ausgezeichnete Graphic Novel in Aquarell – über die Liebe, eine Freundschaft, das Altern und die Frage, wo Heimat und Zuhause-Sein ist. 
  • Schattenspringer – Wie es ist, anders zu sein (Daniela Schreiter). Die gezeichnete Autobiographie einer Asperger-Autistin. 

Während des Lesens der Graphic Novel Der Traum von Olympia wurde mir klar, dass ich auf leichte, fast unbemerkte Art und Weise eine Menge lernte. Ich lernte über Dinge, die ich mir mit mehr Mühe erschließen würde, lägen sie in reiner Textform vor: Zum Beispiel über die Verhältnisse in Somalia, über die militante islamistische Bewegung Al-Shabaab oder über Hawala, ein weltweites, inoffizielles Überweisungssystem. 

Dagegen entführte mich Fünfttausend Kilometer in der Sekunde in eine melancholische Stimmung.

Komplexe Botschaften in einfachen Bildern 

Ich male seit vielen Jahren und gehe regelmäßig in ein Malatelier. Während den Bildbesprechungen lernte ich, dass ich nicht einen einzigen Strich auf das Papier bringen kann, ohne dabei eine Aussage über mich zu machen. Alles hat eine Bedeutung: Fertige ich einen Hintergrund an oder male ich darauf los? Wähle ich eher dunkle oder helle Farben? Ist mein Bild abstrakt oder konkret? Male ich etwas ab oder entsteht das Bild ohne eine Vorlage? Welche Motive, Symbole oder Zeichen verwende ich und welche Assoziationen lösen sie in mir oder in einem Betrachter aus? 

In einer Graphic Novel ist jeder Strich wohl gesetzt und es braucht wenig, um viel zu sagen. Sie kann sinnbildlich dafür stehen, dass einfache Bilder vielschichtige Botschaften in sich tragen können. 

Der hochsensible Sehsinn

Der Sehsinn hat die höchste Aufnahmefähigkeit von allen Sinnen. Er liefert circa 80 Prozent aller Informationen, die das Gehirn verarbeitet. Über das Auge gelangen Informationen ins Gehirn, das diese mit bereits gemachten Erfahrungen und Erinnerungen abgleicht sowie nach wichtig und unwichtig sortiert. Wichtige Reize wandern ins Bewusstsein, unwichtige Reize ins Unterbewusstsein. So kommt es, dass wir zwar alle das Gleiche sehen, aber die visuelle Wahrnehmung, die aufgrund der Interpretation des Gehirns entsteht, subjektiv ist. Schwer vorzustellen, aber wir sehen alle unterschiedlich.

Normalerweise ist das scharf und deutlich, worauf wir unsere Aufmerksamkeit lenken. Bei einer hochsensiblen visuellen Wahrnehmung werden nun aber weitaus mehr Reize als wichtig gewertet und ans Bewusstsein weiter geleitet als bei einer normalsensiblen. Das Bewusstsein ist also ziemlich am Schuften. Aufgrund der Menge an Reizen kann es keine vordergründige Wahrnehmung mit unscharfen Hintergrund herausarbeiten. Für den hochsensiblen Gehirnträger stehen deshalb fast alle optischen Reize gleichzeitig im Zentrum der Aufmerksamkeit. 

Ein Beispiel, um das zu verdeutlichen: Ein optisches „Highlight“, an das ich gerne schmunzelnd zurück denke, habe ich auf einen Online-Kongress über Hochsensibilität erlebt. In einem Video saß eine Expertin für Hochsensibilität vor einem großen, proppevollen Bücherregal. Das Bücherregal nahm den gesamten Bildschirm ein, die Frau saß auf der linken Seite. Ich wusste nicht, wo ich hinschauen sollte. Von dem Inhalt des Videos habe ich nicht viel mitbekommen. Ich war vielmehr damit beschäftigt, die Titel der Bücher zu entziffern und zu überlegen, ob ich sie farblich der Reihe nach sortieren würde oder lieber thematisch. Mein Gehirn konnte die unwichtigen Reize nicht herausfiltern und versuchte von daher, eine Ordnung zu schaffen. 

Dies können Hinweise auf eine hochsensible visuelle Wahrnehmung sein:

  • Vorliebe für Piktogramme und ihre aktive Nutzung zur Strukturierung des Alltags (Kalender/ Notizen)
  • Der Drang, Objekte der Reihe nach zu stellen oder auf eine bestimmte Art und Weise zu ordnen 
  • Der Drang, in der Bibliothek oder in Supermärkten Regale aufzuräumen bzw. sie zu ordnen
  • Hohe Fehlersensibilität – z. B. schnelles Erkennen von Unterschieden auf Suchbildern, schnelles Finden von Details auf Wimmelbildern

Manchmal kann es auch sein, dass sich Menschen mit einer hochsensiblen visuellen Wahrnehmung zur Entspannung aktionsreiche Spielfilme mit vielen und schnellen Szenenwechseln ansehen. Das klingt widersprüchlich – ist aber eine Technik, die funktioniert. Genau wie die, sich mit lauter Musik über Kopfhörern vor zu vielen Geräuschen zu schützen.  

Visueller Minimalismus in den eigenen vier Wänden 

Wenn dies beides nun aufeinander trifft, Bilder mit komplexen Botschaften und eine hochsensible visuelle Wahrnehmung, da braucht es nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, was für ein Reizfeuerwerk da entfacht werden kann.

Auf der einen Seite empfehle ich visuell hochsensiblen Menschen eine Reduktion von optischen Reizen. Eine reizarme Wohnung ist quasi ein Muss aus meiner Sicht – alleine damit der Sehnerv sich erholen kann. Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich Menschen erlebe, die sich über ein „Zu viel“ beklagen, aber nicht für visuelle Klarheit in den eigenen vier Wänden sorgen.

Aber das heißt nicht, dass du in einer kargen Mönchszelle leben musst. Es geht auf der anderen Seite darum, visuelle Reize bewusst zu wählen. Gefragt ist, was dem Auge und der Seele gut tut. Das findest du am besten heraus, wenn du achtsam durch die Wohnung gehst und die auf die innere Reaktion achtest, die die verschiedenen optische Reize auslösen:

  • Bilder an der Wand – dazu gehören Gemälde, Zeichnungen, Fotos, Postkarten, Aufkleber, Pinnwände, Kalender
  • Offene Regale und Tische mit Büchern, Geschirr, Nippes, Papierbergen, Zeitschriften sowie weiteren Gegenständen
  • Alle Sachen, die auf Schränken oder Kommoden stehen, dran gelehnt sind oder dran hängen
  • Alle weiteren optischen Fänger: Dekorationsartikel, Vasen, Kerzenhalter, Windspiele, Mobile, Rollen von Geschenkpapier in der Ecke, Ladekabelwust unter dem Schreibtisch, Bügelbretter in Nischen, überbordende Garderoben, aufgeklebte Affirmationszettelchen oder Sinnsprüche, Kosmetikartikel im Badezimmer

Fazit

Wie bei einer Graphic Novel können bereits wenige oder einfache visuelle Informationen viele Botschaften enthalten. Ein hochsensibles Gehirn kann viele dieser Botschaften nicht wegfiltern und läuft Gefahr, sich ständig mit ihnen zu beschäftigen. Das Foto von der Familienfeier, das mit einem Magneten am Kühlschrank befestigt ist, löst eventuell ambivalente Gefühle in dir aus. Ein in der Ecke stehender Staubsauger kann als unangenehm empfunden werden, weil er die innere „Putz-Alarm-Glocke“ ständig läuten lässt. Der Stapel ungelesener Bücher auf dem Nachttisch erzeugt möglicherweise Druck.

Gönne deinem Sehnerv eine Pause und achte auf solche Dinge.

Bildnachweis: Pexels

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