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Gelesen: „Geniale Störung“ von Steve Silberman

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Wie der Autismus entdeckt und erforscht wurde

Ein fulminantes Werk. Überbordend an Details, mitreißend geschrieben und ohne dass man sich versieht, hat man sich durch entscheidende Momente der Medizin- und Wissenschaftsgeschichte gelesen. Eine Leseempfehlung für Menschen, die populärwissenschaftliche Literatur mögen und einen Einblick in den Autismus erhalten wollen.

Die Schnittmenge von Hochsensibilität und Autismus

Aber vielleicht zunächst einmal eine Antwort auf die Frage, was auf einem Blog für hochsensible und feinfühlige Menschen eine Rezension über ein Autismus-Buch zu suchen hat.

Die Eigenschaften hochsensibler Menschen bilden eine Schnittmenge zu denen von Menschen, die autistisch sind. Das gilt vor allem bei Merkmalen, die dem Asperger-Syndrom zugeschrieben werden: Die verstärkte Wahrnehmung von Details, die ausgeprägte Tendenz zu Genauigkeit & Sorgfalt, Fehlersensibilität, Reizempfindlichkeit, Abneigung gegen Smalltalk, Befriedigung und Regeneration im Alleinsein und nicht zuletzt der Eindruck, in diesem Leben auf dem falschen Planeten gelandet zu sein. Grund genug, um sich mit Autismus zu beschäftigen.

Genau das tat Steve Silberman, ein amerikanischer Journalist, auch: Er hat sich ausgiebig mit der Entdeckung und der Erforschung des Autismus beschäftigt und damit ein über 500 Seiten starkes Werk erschaffen. Akribische Recherche und ein für den Autismus schlagendes Herz bilden die Grundlage dieses mehrfach ausgezeichneten Buchs.

Mitreißend und etwas ermüdend zugleich

Silberman versteht es, packend zu schreiben. Er folgt einem roten Faden, der aber unter unsäglich vielen Details oftmals in den Hintergrund tritt und sich erst in der Rückschau erschliesst. Beides, der manchmal ermüdende Detailreichtum und die fehlende explizite Struktur, empfinde ich als Schwachpunkte des Buches.

Wer aber nicht den Anspruch hat, sich jeden Informationskrümel umfänglich zu erschließen und wer ein Buch lesen möchte, das sich empathisch auf Seite der Autisten schlägt, ist meines Erachtens gut aufgehoben. Es stellt einen fulminanten Ritt durch die Entdeckung und Erforschung von Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen dar, die heute dem autistischen Spektrum zugeordnet werden.

Emotionale Achterbahnfahrt während des Lesens

Die einzelnen Kapitel habe ich recht unterschiedlich erfahren. Da sind spannende Passagen – wie beispielsweise die um die Entstehung und die Auswirkungen des Kinofilms Rain Man. Als 18-Jährige habe ich damals den Hype um diesen Film hautnah miterlebt. Oder als überraschend atemberaubend entpuppte sich für mich das Kapitel Prinzen des Äthers. Es stellt auf die Entstehungsgeschichte der heutigen Fan-Kultur ab (wie z.B. die der Trekkies, Whovians oder Potterheads), beschreibt die Rolle des Amateurfunks und bringt all dies alles auch noch in den Zusammenhang mit Autismus.

Andere Kapitel hingegen sind kaum zu verdauen. So sind beispielsweise die Beschreibungen der Experimente des Psychologen Ole Ivar Løvaas schwer zu ertragen. Um seine Applied Behavior Analysis (ABA)zu entwickeln, eine Therapieform, die auf Konditionierung von autistischen Kindern setzt, bombardierte er diese mit Schall oder behandelte sie mit Elektroschocks. Nahrungsmittel- und Wasserentzug, der Einsatz von Viehtreiberstöcken oder Schläge – all das war eine Zeit lang sozusagen der Goldstandard bei der Behandlung von Autismus. Um so betrübender mitzubekommen, dass aversive Therapien und Techniken – in abgemilderter Form – bis heute ihren Einsatz finden.

Akzeptanz statt Behandlung

Die Haltung Sibermans wird im Laufe des Buches deutlich: Medizinische Ursachenforschung findet er allenfalls interessant, aber auch nicht mehr. Therapieformen, die ein Heilungsversprechen abgeben, wie z. B. spezielle Ernährungsformen, führt er vor, indem er deren Unwirksamkeit, fehlerhaften Basis-Annahmen oder von Interessenpolitik geleitetes Handeln in der gewohnten Detailtiefe nachweist.

Ich empfinde das Buch als ein klares Votum für Neurodiversität – ein Konzept, in dem neurobiologische Unterschiede als gleichwertig anerkannt werden. Die Gesellschaft ist damit aufgerufen, mit Menschen, die nicht neurotypisch sind, so umzugehen, wie es ihren Bedürfnissen entspricht.

Fazit

Leseempfehlung für Menschen, die

  • einen populärwissenschaftlichen Überblick über die Autismusforschung erhalten wollen.
  • eine Mischung aus Fallgeschichten und Fakten sowie einen umfangreichen Fussnotenapparat inspirierend finden.
  • sich durch 500 Seiten Detailreichtum nicht schrecken lassen und den Mut haben, ein paar Informationen auch mal geflissentlich an sich vorbei rauschen zu lassen.
  • nicht den Anspruch haben, ein Fachbuch mit vertiefenden wissenschaftlichen Erklärungen zum Thema Autismus zu lesen.

Bildnachweise: Beitragsbild Pexels; Foto unten im Beitrag von Autorin erstellt

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