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Gelesen: „Ich muss nicht alles glauben, was ich denke“ von Serge Marquis

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Das Ich kann aus sich nichts Besseres machen. Es kann sich von einem Augenblick zum nächsten verändern, aber es bleibt stets das ich, diese trennende und auf sich selbst bezogene Bewusstseinsaktivität, die hofft, eines Tages etwas zu werden, was sie nicht ist. […] Daher bleibt nur das Endes des Ich.

Dieses Zitat von Jiddu Krishnamurti ist dem Buch Ich muss nicht alles glauben, was ich denke voran gestellt. Der Autor Serge Marquis gibt damit die inhaltliche Richtung vor, denn dieses Buch ist ein flammendes Plädoyer dafür, das emotional aufgeladene Ego, das stets auf der Suche nach etwas Besserem ist, zu erkennen und zurück zu nehmen.

Mein erster Eindruck: Ein handliches Buch. Ich mag es übersichtlich, auch vom Umfang her, dicke Wälzer schrecken mich ab. Das Buch von Serge Marquis ist mit seinen 144 Seiten gut fingerdick. Es ist im Kösel Verlag erschienen und kostet um die 15 Euro. Es enthält dreizehn Kapitel und jedem Kapitel ist ein Zitat voran gestellt. Eines meiner Lieblingszitate: Wenn man nicht Vorwärtskommen will, folgt man am besten einer fixen Idee (Jacques Prévert).

Wenn aus einem Hamster der Zuchtmeister des Leidens wird

Anhand von Alltagssituationen stellt Marquis eingangs dar, wie wir unser Leid erschaffen. Der Klassiker: auf dem WC zu sitzen und nach Erledigung aller Geschäfte festzustellen, dass der/die Vorgänger*in nur die Papprolle hinterlassen hat – ohne Papier. Den inneren Dialog, der losgeht, bezeichnet Marquis als Hamster im Kopf – weil diese Gedankenaktivität alles auf sich ziehen und so schnell rennen kann, das man regelrecht durchdreht: „Das kann sich nicht wahr sein! Warum passiert so etwas immer nur mir? Es ist doch nicht so schwer, eine Klorolle zu wechseln, verdammt noch mal! Dazu muss man doch nicht studiert haben!“ 

Auch wenn ich die Metapher zum Hamster im Hamsterrad nachvollziehen kann, empfand ich diese Wortwahl bis zum Schluss des Buches als nicht passend – wie viele weitere Ausdrücke, die Marquis benutzt: Bestie, seltsames Geschöpf, Grüblerich, Monster, Zuchtmeister des Leidens, hibbeliger Nager, Miststück, Parasit, Blutsauger, lästiges Ungeziefer, Quälgeist, selbsternannter Herrscher der Welt und – last but not least – liebes Ich.

Das Ego mit seiner Sucht nach Anerkennung als Grundübel

Jedenfalls geht es um das Ego, um diese Instanz, die ständig urteilt, vergleicht, beschuldigt, kritisiert, bedauert und die Dinge immer wieder erneut durchkaut. Es geht um das Toben oder auch Jammern im Kopf, das entsprechende Hormonschübe in die Blutbahnen kippt und Muskelanspannungen bewirkt. Es geht um dieses Konstrukt „Ich“, das stets alle Scheinwerfer auf sich selbst gerichtet sehen und wahrgenommen werden möchte:

Statt – wie die Menschen in früheren Zeiten – aufzuschrecken, wenn es Anzeichen dafür gibt, dass man gefressen werden könnte, entwickelt das Ego heute panische Angst bei der Aussicht, ihm könnte die Aufmerksamkeit entzogen (oder gar nicht erst geschenkt) werden und es könnte daran zugrunde gehen. 

Weil das Ego Angst hat, seine Droge zu verlieren, schlägt es Alarm. Stress ist die Folge, permanente Alarmbereitschaft. Im Laufe des Buches bringt Serge Marquis es auf die Gleichung: Keine Bedrohung = keine seelische Spannung = kein Stress. Soll sagen: Wenn man sich nicht mehr davon bedroht fühlt, die Anerkennung anderer zu verlieren oder nie zu erhalten, dann hat man keinen Stress. Weil man weiß, dass nur das Ego bedroht ist, nicht die Person.

Sich zurücknehmen

Marquis‘ universeller Ratschlag: Sich zurücknehmen.

„Keine Sorge, Sie werden nicht verschwinden! Sich zurückzunehmen bedeutet nicht, sein Ego abzutöten. Ihr liebes Ich wird Sie nicht verlassen. Sich zurücknehmen bedeutet, den Augenblick zu ermöglichen, in dem Ihnen bewusst wird, dass Ihr Denken ausschliesslich aus ego-verseuchten Worten und Bildern besteht.“

Der entscheidende Moment des „Sich-zurück-nehmens“ ist der Augenblick des Erkennens, vom ich-bezogenem Denken erfüllt zu sein. Das nennt Marquise Erwachen. Erwachen bedeutet, dass das Bewusstsein seine Aufmerksamkeit ununterbrochen auf den Hamster richtet. Es geht darum, den Hamster als Hamster zu erkennen und sich nicht mit ihm zu identifizieren.

Ich-bezogenes Denken versus bewusstes Denken

Damit das mit dem „Sich zurücknehmen“ klappt, ist es notwendig das ich-bezogene Denken von bewussten Denken unterscheiden zu können:

Ego-Denken strebt nach persönlicher Entwicklung, es redet vor allem von „ich“, „mein“ und „mir“, es will sich selbst Größe und Geltung verschaffen. Es flutet sein Gehirn mit Glückshormonen, weil es sich ausmalt, wie es die künftig die Bestsellerlisten anführt, um im nächsten Augenblick in die Talsohle des Jammertals zu stürzen, weil die Nachbarin nicht gegrüsst hat. Zwischen Größenwahn und „Warum passiert das immer mir?!-Depressionen“ liegt ein schmaler Grad und auf beiden Seiten ist das Ego zu finden.

Bewusstes Denken strebt nach nichts, das Bewusstsein ist ungebunden. Es nimmt Sinneswahrnehmungen auf, schenkt Liebe, zeigt Mitgefühl, genießt das Schöne und widmet sich dem, was dem Leben dient. Das bewusste Denken „ermöglicht es, Kunstwerke zu schaffen, Besorgungen zu machen, Reisen zu planen, „Hallo, wie geht’s?“ zu sagen und vor allem bei der Antwort aufmerksam zuzuhören.

Der Trick ist, das ich-bezogene Denken zu erkennen und es im Blick zu haben, ihm keinen Glauben zu schenken und zum bewussten Denken switchen zu können. Marquise stellt Übungen vor, um sich mittels Atem und/oder Meditation zu zentrieren, eine zentrale Voraussetzung für das „Sich zurücknehmen“. Zudem liefert er ausführliche Beispiele und Schritt-für-Schritt-Anleitungen, was er unter „Sich zurücknehmen“ konkret versteht.

Und was ist mit Psychotherapie und Trauma?

Serge Marquise steht der Psychotherapie tendenziell ablehnend gegenüber: Etliche Formen der Psychotherapie mildern das Leiden jedoch nicht im Geringsten. Weshalb ist das so? Kurz gesagt: weil sie darauf abzielen, dass das Ich sich entwickelt, und nicht, dass es sich zurück nimmt. Er kreidet der Psychotherapie an, dass sie manchmal der einzige Ort ist, an dem der Hamster Anerkennung erhält, und damit letztendlich in seinem hoffnungslosen Bemühen bestärkt.

Nach Marquise kann sich auch ein traumarisierter Geist von den Erinnerungen zumindest zeitweise befreien – indem man in eine andere Form der geistigen Aktivität wechselt und den Bewusstseinszustand der Gegenwärtigkeit annimmt. Trauma sind nach seinem Verständnis Aufzeichnungen:

Wenn in einer angespannteren Situation die Gehirnzellen Faustschläge oder sexuelle Gewalt registrieren, wird das kleine Gehirn alles unternehmen, damit solche Misshandlungen sich nicht wiederholen. Das ist eine normale Reaktion. Jede Form von Leben versucht Leid zu vermeiden. Da hilft unter anderem die Erinnerung, indem sie Angenehmes präsent hält und das Leiden ausblendet. Problematisch wird es […], wenn das ichbezogene Denken den Film mit den Faustschlägen und er sexuellen Gewalt ständig wiederholt und dadurch in die Falle der Identifikation tappt. Mit anderen Worten: Aus dem Trauma wird ein traumarisierter Mensch, die Wunde wird zum Ich.

Mein Fazit

Allen, die das Streben nach Selbstverwirklichung, Persönlichkeitsentwicklung und individuellem Erfolg zum Mittelpunkt ihres Lebens gemacht haben, ist dieses Buch ein rechter Dolchstoss mitten ins Ego. Das Lesen kann den Hamster ganz schön in Rage bringen.

Das Buch bewegt sich mit seinen Inhalten um eine Kernfrage des Lebens herum: Das Ich stärken oder es loslassen – die Wahl zwischen diesen beiden Wegen ist die bedeutendste und vordringlichste Entscheidung, die die Menschheit treffen muss. Wenn du dich mit dieser Frage auseinandersetzen möchtest, kann dir dieses Buch dienlich sein.

Gewöhnungsbedürftig fand ich die Sprache, die mich manchmal daran hinderte, wirklich offen für die Inhalte zu sein. Oft empfand ich sie als übertrieben geschwollen und pauschalisierend. Vielleicht liegt dies an der Übersetzung aus dem Französischen, das kann ich nicht beurteilen.

Als hilfreich empfand ich die klare Unterscheidung zwischen bewusstem Denken und ich-bezogenen Denken, wie auch weitere Unterscheidungen, die er fällt: „Erregt sein“ bedeutet beispielsweise nicht „Am Leben sein“. Es gibt eine Menge Menschen, die dies verwechseln; die das aufgeregte Treiben des Egos in all seinen Facetten (Erfolg haben wollen, gesehen werden wollen, unterwegs sein) als Lebendigkeit definieren. Genau so wie häufig „ganz im Augenblick leben“ verwechselt wird mit „alles haben, alles machen, alles sofort“.

Weitere Zitate aus dem Buch

Die Annahme, das Glück beruhe auf individuellem Erfolg, ist eine Illusion, die den Weg zum Glück versperrt.

Sich selbst zurücknehmen bedeutet, wieder die einfachen Dinge des Lebens zu suchen und sie mit ruhigem Gemüt in vollen Zügen auszukosten.

Kompetenz drückt sich darin aus, wie sehr man sich zurück nehmen kann.

Eine Illusion bleibt eine Illusion, selbst wenn sie wächst.

Das Leben hat es nicht nötig, sich einzigartig zu fühlen.

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Alle kursiv gesetzten Wörter sind Zitate aus dem Buch.

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