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Gelesen: „Das Geheimnis kluger Entscheidungen“ von Maja Storch

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„Mit diesem Buch möchte ich Ihnen einen grundlegenden Einblick in die Art und Weise vermitteln, wie Ihr Gehirn entscheidet, und Ihnen Informationen darüber geben, wie Sie dieses Wissen in Ihren ganz persönlichen Entscheidungssituationen einsetzen können. Wenn Sie es gelesen haben, werden Sie einige Entscheidungen anders fällen als früher, das verspreche ich Ihnen.“ 

Diese Zeilen schreibt Maja Storch in dem einleitenden Kapitel ihres Buches Das Geheimnis kluger Entscheidungen – Von Bauchgefühl und Körpersignalen – ein fingerdickes Taschenbuch, das unter 10 Euro zu haben ist. Damit ist die Messlatte hoch gelegt und ich bin gespannt, ob Maja Storch dieses ehrgeizige Ziel mit mir als Leserin erreichen wird.

Wie ich es von ihren anderen Büchern gewohnt bin, setzt Maja Storch beim Schreiben vor allem auf Verständlichkeit und Praxisbezug. Bleiwüsten mit ellenlangen theoretischen Ausführungen sind nicht ihr Stil. Sie schreibt humorvoll und  unterhaltsam, mit konkreten Beispielen sowie einfachen Illustrationen. Prädikat: *Ohne weiteres in einem Rutsch durchlesbar*.

Inhaltlich räumt Maja Storch rigoros mit der Vorstellung auf, dass gute Entscheidungen mit reiner Verstandestätigkeit und ohne Beteiligung von Emotionen gefällt werden können. Es ist spannend, ihren Ausführungen zu folgen:

Zwei Entscheidungssysteme wohnen ach in meiner Brust …

Der Verstand liefert bei Entscheidungssituationen mit seinem bewussten Denken ausgezeichnete Analysen. Seine Ergebnisse sind präzise und detailliert. Aber er ist auch verhältnismässig langsam und verbraucht immens Energie. Bis der präfrontale Cortex, der maßgeblich fürs bewusste Denken zuständig ist, zu Potte kommt und die dreissigseitige Pro- und Contraliste ausspuckt, geht viel Zeit ins Land. Und das gesamte Gehirn japst anschliessend nach Nährstoffen – denn Denken ist anstrengend.

Deshalb funktionieren wir Menschen zum größten Teil in unbewussten Routinen, das ist energiesparend und effizient. Müssten wir über alles was wir tun bewusst nachdenken, kämen wir schlichtweg nicht vom Fleck. Denn wir treffen den ganzen Tag über viele Entscheidungen: Marmelade oder Honig aufs Frühstücksbrot streichen? Weißes Hemd oder Pulli zur Jeans anziehen? Noch schnell eine WhatsApp-Nachricht versenden oder lieber gleich anfangen zu arbeiten?

Bei der spontanen Frage, ob Honig oder Marmelade, stellen wir in der Regel keine nüchternen Berechnungen an, sondern entscheiden auf Basis eines somatischen Markers. Das ist ein Körpersignal, mit dem das emotionale Erfahrungsgedächtnis mit uns kommuniziert. Das emotionale Erfahrungsgedächtnis ist, neben dem Verstand, unser zweites Entscheidungssystem. Es hat all unser gelerntes und erfahrenes Wissen in Form von Gefühlen und Körperempfindungen gespeichert und stellt uns dieses in Entscheidungssituationen im Form eines somatischen Markers zur Verfügung.

Das emotionale Erfahrungsgedächtnis agiert, im Gegensatz zum Verstand, blitzschnell. Bei einer Entscheidung entwirft unser Gehirn in Millisekunden Bilder der verschiedenen Alternativen. Diese Szenarien werden mit ähnlichen Situationen aus der Vergangenheit verglichen und mit einem Körpermarker bewertet. Dabei ist das Bewertungssystem des emotionale Erfahrungsgedächtnis recht einfach gestickt, es kennt nur zwei Richtungen: Entweder es will sich nähern (das mag ich/das ist angenehm/das ist gut) oder es will vermeiden (das mag ich nicht/das ist unangenehm/das ist doof).

Die Signale des emotionalen Erfahrungsgedächtnisses zwar schnell, aber diffus – sie sind oft auf Anhieb nicht erklärbar. Es ist halt so ein Gefühl. Müssten wir die Entscheidung für den Honig und gegen die Marmelade rational begründen, würden wir wahrscheinlich zunächst ein wenig nachdenken und nach den richtigen Worten und Gründen suchen: „Mir war einfach so danach“ oder „Mein Ex-Freund war ein Marmeladen-Junkie, seitdem meide ich Marmelade.“

Unkluge Entscheidungen

Nach Maja Storch entsteht ein Unbehagen in Entscheidungssituationen, wenn das emotionale Erfahrungsgedächtnis und der Verstand unterschiedliche Bewertungen vorgenommen haben. Der Verstand sagt, dass es zeitsparender ist, morgens in eine aufgeräumte und saubere Küche zu kommen, der Bauch sagt, dass es nach dem Abendessen auf dem Sofa viel gemütlicher ist. Es handelt sich um eine innere Doppelbotschaft. Meist gibt man dann kurzerhand einem Bewertungssystem nach. Doch wenn ein Entscheidungssystem regelmässig in wichtigen Entscheidungen die Überhand gewinnt, führt dies zuverlässig ins persönliche Elend.

Denn es geht einerseits nicht darum, sich ausschliesslich auf das Erfahrungsgedächtnis und damit auf unser inneres Gefühl zu verlassen. Damit würden wir unsere Entscheidungen vergangenheitsorientiert treffen und neue Erfahrungen wären nur schwer möglich. Für Neues brauchen wir den Verstand, der uns hilft, mit ungewohnten Situationen umzugehen. Das gilt zum Beispiel für Menschen, die destruktive Beziehungserfahrungen gemacht haben („Alle Männer sind Schweine!“). Um neue und vor allem andere Erfahrungen zu machen, dürfen sie sich nicht ausschliesslich auf das bereits Erfahrene verlassen.

Wenn wir uns dagegen zu der Handlungsweise zwingen, die der Verstand favorisiert, sind wir im Selbstkontrollmodus. Ein beliebtes Beispiel hierfür ist der jährliche Zahnarztbesuch, bei dem das emotionale Erfahrungsgedächtnis selten begeistert ist. Es ist der Verstand, der in dieser Situation das Zepter in die Hand nimmt und sich über die unangenehmen Empfindungen hinweg setzt.

Doch es ist ratsam, den Selbstkontrollmodus nur punktuell und wohlausgesucht anzuwenden: „Ein Mensch, der seine Entscheidungen im Selbstkontrollmodus trifft, nimmt entweder seine Körpersignale nicht wahr oder er trifft seine Entscheidungen anders, als sein emotionales Erfahrungsgedächtnis ihm nahelegt. Er handelt damit im Prinzip dauernd gegen seinen innersten Kern, gegen sein persönliches Gefühl für sich selbst. “ 

Kluge Entscheidungen

Für kluge Entscheidungen braucht es ein Abstimmungsprozess zwischen den beiden Entscheidungssystemen. Eine Konsensfindung, die die Stärken und Schwächen des jeweiligen Entscheidungssystems berücksichtigt. Das kann mitunter ein ausführlicher Dialog zwischen Verstand und Erfahrungsgedächtnis sein, bei dem so lange und geduldig Rückmeldeschleifen gezogen werden, bis beide zufrieden sind. Dies nennt Maja Storch Selbstregulation. Und Selbstregulation hat eine Menge mit Selbstsicherheit zu tun:

„Selbstsicherheit basiert nicht auf Gedanken, sondern auf Gefühlen und Körperempfindungen. […] Wenn wir unsere körperlichen und emotionalen Reaktionen unmittelbar fühlen und erleben, gewinnen wir Selbstsicherheit. Und diese Selbstsicherheit ist eine wichtige Hilfe, um Entscheidungen zu treffen, von denen wir selbst zu 100 Prozent überzeugt sind.“

Doch wie sehen diese Abstimmungsprozesse nun aus? Wie gelangt man in diesen verheissungsvollen Modus der Selbstregulation? Maja Storch stellt drei Varianten vor, die ich in stark verkürzter Form wiedergebe:

1 Beiderseitige Zustimmung erzeugen

Wenn der Verstand etwas möchte, was das emotionale Erfahrungsgedächtnis mit einem negativen somatischen Marker belegt (z.B. bei Regen zu joggen), kann man durch ansprechende Zukunftsbilder einen positiven Marker schaffen. Der Fokus wird weg vom negativen Auslöser (Regen, nasse Kleidung) auf ein gewünschtes Ereignis in der Zukunft gelegt (ein gesunder Körper, das tolle Gefühl nach dem Laufen) und erzeugt so genug Schwung, um die vier Buchstaben tatsächlich vom Sofa hochzubekommen.

2 Beiderseitige Ablehnung erzeugen

Die gegenteilige Strategie ist, den Verstand und das emotionales Erfahrungsgedächtnis in einem gemeinsamen NEIN zu vereinen.  Darum geht es beispielsweise bei den Abbildungen auf Zigarettenpackungen. Ziel solcher Kampagnen ist es, einen so starken negativen Marker zu setzen, dass alle positiven Gefühle und Empfindungen, die mit dem Rauchen verbunden sind, übertönt werden.

3 Wörtertausch

Die Strategie des Wörtertauschs funktioniert, wenn wir wissen, was wir wollen, aber unsere Zielvorgabe ein Wort beinhaltet, das negative Gefühle auslöst. Hier nennt Maja Storch das Beispiel „Ich muss lernen mich abzugrenzen“. Das Wort „Grenze“ löst bei vielen Menschen unangenehme Körperempfindungen aus. Mit diesen bremst das emotionale Erfahrungsgedächtnis die Zielerreichung der besseren Abgrenzung aus. In diesem Fall kann es nützlicher sein, einen Begriff zu finden, der mit angenehmen Empfindungen einhergeht: Sich mehr Freiraum zu gönnen, Schlupflöcher zu nutzen oder sich kleine Fluchten zu organisieren.

Fazit

Maja Storch hat ihr Versprechen mir gegenüber eingelöst – in der Auseinandersetzung mit den Inhalten des Buches habe ich tatsächlich angefangen, bestimmte Entscheidungen anders anzugehen. Hut ab und vielen Dank, liebe Maja Storch!

Vor allem ist mir klar geworden, wie maßgeblich die kleinen vielen Entscheidungen des Alltags entscheidend für das Erreichen eines größeren Ziels sind. Ziele sind zukunftsorientiert und damit spielen sie überwiegend in der Liga des Verstandes. Wenn ich etwas erreichen möchte, das ich noch nicht verkörperlicht habe (weil ich die Erfahrung noch nicht gemacht habe), macht es Sinn, meinen Verstand bewusst einzusetzen, damit er mein emotionales Erfahrungsgedächtnis sozusagen an die Hand nimmt. Aber – und das ist wichtig, das emotionale Erfahrungsgedächtnis muss wirklich JA sagen. Dabei habe ich mit der Variante des Wörtertauschs gute Erfahrungen gemacht.

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