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Gelesen: „Das Experiment Hingabe“ von Michael A. Singer

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Wenn sich Autoren den Aufkleber „New York Times Bestseller“ auf die Brust pappen können, ruft das die Skeptikerin in mir wach. Mainstream trifft selten meinen Geschmack. Doch Michael A. Singers autobiographisches Buch „Das Experiment Hingabe“ bildet da eine Ausnahme. 

Michael „Mickey“ Singer übt sich in Hingabe. In Hingabe an das Leben. Hingabe – das bedeutet für ihn, die persönlichen Reaktionen von Mögen und Nicht-Mögen loszulassen. Er folgt dem, was das Leben jenseits von persönlichen Vorlieben und Abneigungen von ihm abverlangt. 

Vom Einsiedler zum Generaldirektor und zurück

Als Student erkennt Mickey Singer, dass es eine Stimme in seinem Kopf gibt, die ständig redet. Er spürt, welche Unruhe diese urteilende und kommentierende Stimme in ihm entfacht und beschließt irgendwann, ihr nicht mehr zu glauben. Er übt sich in stundenlanger Meditation und ausgedehnten Yoga-Sessions, um diese Stimme zum Schweigen zu bringen. Später wird er in seinem Bestseller „Die Seele will frei sein“ folgendes über diese Stimme schreiben: „Es gibt nichts Wichtigeres auf dem Weg zu wahren Wachstum als die Erkenntnis, dass Sie nicht identisch sind mit der Stimme Ihres Denkens.“

Fortan öffnet sich er sich dem, was das Leben ihm aufträgt – indem er bei seinen Entscheidungen die Stimme geflissentlich ignoriert und das tut, was das Leben von ihm will.

So lebt er als junger Einsiedler in einem Camper in Mexiko, später lehrt er Wirtschaftswissenschaften an einem Community College in Florida. Er fängt an, Häuser zu bauen und gründet sein Bauunternehmen „Built with love“. Fast nebenbei ruft er den „Tempel of the Universe“ ins Leben, eine spirituelle Gemeinschaft.

Die Programmierung der Software „Medical Manager“ lässt ihn schließlich bis zum Vizepräsidenten eines börsennotierten Milliardenunternehmen aufsteigen. Es folgt eine Anklage durch die Regierung, ausgelöst durch einen böswilligen Mitarbeiter, der ein Lügenkonstrukt erstellt. Mickey Singer und ein grosser Apparat von Anwälten sind jahrelang mit der Vorbereitung des Prozesses beschäftigt. Schliesslich wird die Anklage zurück gezogen, die Unbescholtenheit Singers bescheinigt.

Heute lebt Mickey Singer zurückgezogen in den Wäldern Floridas.

Ein Leben jenseits von persönlichen Vorlieben

Das alles passierte, weil es das Leben so wollte – so sieht es Singer. Er verfolgte bei seinen Entscheidungen, die er traf, nur ein einziges Ziel: Sich selbst loszuwerden. Denn darum geht es in dem Buch von „Das Experiment Hingabe“: alle persönlichen Vorstellungen, wie das Leben zu sein hat, loszulassen.

Vieles von dem, was sich in seinem Leben ereignet hat, hat Mickey Singer nicht gewollt. Genauer gesagt: die Stimme in seinem Kopf hat es nicht gewollt. Sie hat sich in entscheidenen Situationen häufig widerwillig, ängstlich, schwach und unsicher gezeigt. Singer stellte sich der Situation durch beständiges Loslassen.

Singer pflegt das Image des liebenswerten Hippies

Das Buch ist flüssig geschrieben und gut zu lesen. Es ist mit all seinen Cliffhangern an den Kapitelenden zutiefst amerikanisch und füttert dieses „Ich-muss-unbedingt-wissen-wie-es-weitergeht“-Ding.

Mickey Singer stellt sich selbst als einen sympathischen, etwas arglosen Hippie-Zausel dar, der mit seiner langen Haarmähne und schlackernden Bluejeans irgendwie in dieses Businesswelt hinein gestolpert ist, – obwohl er doch eigentlich nur meditieren wollte. Einzig mit der vorübergehenden Aufnahme von Amrit Desai in den Temple of the Universe begeht er einen eher unpopulären Akt. (Amrit Desai, ein Yogameister, musste seine eigene Gemeinde verlassen, da er des sexuellen Übergriffes auf ehemalige Schülerinnen angeklagt war. Er fand für drei Jahre Aufnahme im Temple of the Universe).

Inhaltlich wiederholt Singer sich oft. Sätze wie dieser kommen zuhauf vor: „Ich blieb eine Person, deren spiritueller Pfand darin bestand, sich dem Fluss des Lebens hinzugeben und mit Herz und Seele an dem zu arbeiten, was das Leben mir auftrug.“

Aufgrund der zugrundeliegenden Fragestellung „Glaube ich der Stimme in meinem Kopf oder nicht?“ und den beschriebenen Lebenserfahrungen ein aufschlussreiches und interessantes Buch.

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Das Buch ist geeignet für alle, die …

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Bildnachweis: Jeremy Thomas via unsplash

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