frau momos minimalismus

Feinfühliges, Hochsensibles und Minimalistisches

Das Vorstellungsgespräch

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Mal wieder Zeit fürs Entrümpeln. Ich arbeite mich also gerade durch alte Papierberge, da fällt mir ein alter Bewerbungsratgeber in die Hände. Beim daumenkinoartigen Durchblättern bleibe ich wie zufällig an der folgenden Passage hängen:

„Seien Sie positiv, äußern Sie keine Klagen, keine Kritik, keine negativen Bemerkungen über frühere Arbeitgeber, Firmen, Chefs, Kollegen.“

Ich muß schmunzeln, denn diese Zeilen erinnern mich sofort an Herrn A.

Zeitsprung einige Jahre zurück: Ich habe ein Vorstellungsgespräch bei einer Zürcherischen Bildungsinstitution. Fast perfekt vorbereitet gehe ich in das Gespräch mit Herrn A., dem Abteilungsleiter. Herr A. begrüsst mich und beginnt das Gespräch mit den Worten: 

„Frau B., Sie haben einen interessanten Lebenslauf, wirklich interessant. Es ist nicht ganz das Profil, was wir uns für die Stelle vorstellen, da sind andere Bewerber näher dran, deutlich näher dran sogar. Ich habe Sie eingeladen, weil ich es außerordentlich interessant finde, dass wir beide einmal für denselben Arbeitgeber gearbeitet haben“. 

Herr A. schaut mich lächelnd-herausfordernd-fragend an.

Peng. 

Meine Gehirnzellen arbeiten auf Hochtouren, um dieses vielschichtige Informationsbombardement zu verarbeiten. Binnen Millisekunden liefert mir mein Gehirn ein erstes Ergebnis: 

Gehirn an Frau Momo, Gehirn an Frau Momo, dechiffriert lautet die Botschaft:

  1. Sie sind nicht in der engeren Auswahl, es gibt hier keinen Job für Sie.
  2. Ich habe genug Zeit in meinem Job, um Bewerber zu meinem privaten Vergnügen auflaufen zu lassen.
  3. Jetzt will ich mal testen, ob Sie mich gegoogelt haben und wissen, welchen ehemaligen Arbeitgeber wir gemeinsam haben.

P.S. Du sitzt übrigens in der Patsche, du hast ihn nicht gegoogelt.

Geplättet schüttle ich entschuldigend-fragend den Kopf. 

Herr A. zieht die Augenbrauen hoch „Es ist die XY AG“  löst er das Rätsel auf. Er lehnt sich zurück, nimmt seine Brille von der Nase und fängt an, diese ausführlich zu putzen.

 „Schlimm schlimm, was bei der XY AG alles so geschieht, Frau B. Wir beide können uns glücklich schätzen, dass wir dort nicht mehr tätig sind. Das merkt man ja schon alleine an der Fluktuation. Das ist eine ganz wichtige betriebswirtschaftliche Kennziffer, Frau B., eine wichtige Kennziffer. Wir hier (die Arme ausbreitend) haben eine ganz, ganz geringe Fluktuation, unsere Mitarbeiter sind zufrieden. Ja, das kann ich wirklich behaupten: Unsere Mitarbeiter sind zufrieden.“

Das sind die Situationen, in denen ich gerne einen sogenannten Realitätscheck mache. Ist das gerade Wirklichkeit? Passiert das gerade wirklich? Ich beauftrage mein Gehirn mit einer Situationsanalyse inklusive Maßnahmenpaket. 

„Ganz, ganz problematische Führungskultur bei der XY AG, ganz problematisch. Nun ja, man wird ja sehen, wie sich das langfristig auf den Markt auswirken wird. Wir (die Arme ausbreitend) sind in dieser Hinsicht wirklich gut aufgestellt, Frau B., wirklich gut. Meine Leute können tun, was sie wollen, sie sollen mich nur nicht mit ihrem Zeug behelligen. Ich habe keine Zeit, mich mit dem operativen Kleinkram auseinander zu setzen, mein Team regelt das alles selbst. Das wissen die alle sehr zu schätzen.“

Während Herr A. monologisiert, gewinne ich innerlich Land zurück. 

Gehirn an Frau Momo, Gehirn an Frau Momo: 

  1. Fakt: Ein neuer Job ist nicht in Sicht. 
  2. Vermutung: Herr A. wäre zudem – mal vorsichtig formuliert – wahrscheinlich nicht so der geeignete Chef für dich.
  3. Fakt: Beziehung zwischen Herrn A. und der XY AG ist nicht die beste. 
  4. Vermutung: Wahrscheinlich unverdaute Kränkung seitens Herr A. 
  5. Vermutung: Herr A. hat dich nur eingeladen, um über die XY AG herzuziehen und sein gekränktes Ego zu frönen. 
  6. Empfehlung: Lenke das Gespräch mit Fragen von der XY AG weg und bringe das alles mit Würde hinter dich. Dann geh an den Zürichsee und genieße den Tag. 

Und die Moral von der Geschichte?  

„Seien Sie positiv, äußern Sie keine Klagen, keine Kritik, keine negativen Bemerkungen über frühere Arbeitgeber, Firmen, Chefs, Kollegen“ Ich sag‘ mal ganz klugscheißerig: das gilt auch für die Seite der Arbeitgeber.

Hast du auch kuriose Erfahrungen mit Vorstellungsgesprächen?

Bildnachweis: Pexels

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