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Talenttausch – in echt und für immer?

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Ich bin dem Zürcher Talent-Tauschnetz give&get beigetreten. Das posaune ich auf Twitter heraus und so ergibt sich der folgende Dialog mit Gitte von der Himbeerwerft:

Also denke ich nach.

Zunächst gilt es der Aufgabe eine Struktur zu verleihen. Während eines Frühstücks überlege ich mir die folgenden Fragen:

  1. Was ist ein Talent?
  2. Habe ich ein Talent?
  3. Wie fühlt es sich an, mit diesem Talent zu leben?
  4. Wie wäre mein Leben ohne dieses Talent?
  5. Welches Talent würde ich gerne haben?
  6. Wie wäre mein Leben mit diesem (neuen) Talent?
  7. Fazit: Würde ich mein Talent tauschen – in echt und für immer?
1. Was ist ein Talent?

Wikipedia spricht von einer überdurchschnittlichen Begabung beziehungsweise von einer besonderen Leistungsvoraussetzung einer Person auf einem bestimmten Gebiet. 

Oh je. Da fängt das Dilemma an. Wie kann ich mich bitteschön hinstellen und behaupten, ich verfüge über eine überdurchschnittliche Fähigkeit? Vor allem: Dazu müsste ich wissen, wie der Durchschnitt aussieht.

Also mache ich einen Kunstgriff: Als Talent sei hier eine Fähigkeit beschrieben, die es mir ermöglicht, mit verhältnismäßig großer Leichtigkeit eine bestimmte Leistung auf einen bestimmten Gebiet zu erbringen.

2. Habe ich ein Talent?

Ich habe mehre Talente. *freu*

In diesem Beitrag will ich exemplarisch eine Begabung von mir heraus greifen: Ich kann gut strukturieren. Und ich mache es gerne. Gib mir einen Kübel unsortierter Informationen und ich bringe sie in eine Struktur. Gib mir ein großes Knäuel Chaos und ich drösel es geduldig und mit Freude auf – und bringe zusätzlich noch System in das Ganze.

Im Alltag schreibe ich alle Einfälle zunächst in mein Superbuch, um sie dann später in Texte, To-Do-Listen und dergleichen zu überführen. In neuen Situationen halte ich mich zurück, verschaffe mir einen Überblick. Eine Aufgabe, die ich bearbeite, ist optimaler Weise eingebettet in einen größeren, für mich erkennbaren und nachvollziehbaren Rahmen. Ich halte mich gerne an Abläufe und erlerne sie schnell. Bei vielen Dingen halte ich automatisch und parallel zum Geschehen nach zugrundeliegenden Mustern Ausschau. Die Farbnäpfe im Malatelier sortiere ich farblich.

3. Wie fühlt es sich an, mit diesem Talent zu leben?

Meine Fähigkeit zu strukturieren fühlt sich wie eine natürliche Kompetenz an. Über das, was ich tue, muss ich nicht groß nachdenken, es fällt mir leicht. (Was ein Lernpotential nicht ausschließt).  

Da ist gleichzeitig eine andere Qualität. Komplexität zu reduzieren ist ein Weg, um mit meiner Hochsensibilität umzugehen. Da ich die ganzen Informationen, die auf mich einströmen, nicht hinreichend filtern kann, kanalisiere und sortiere ich sie. Damit versuche ich „Herrin der Lage“ zu sein in einer Welt, die sich mir als chaotisch und unübersichtlich präsentiert. In einigen Situationen klappt das hervorragend, in anderen Situationen hänge ich mich an der Reizüberflutung auf. Ich merke, dass ich deshalb an dieser Fähigkeit festhalte – weil sie wichtig für mich ist.

4. Wie wäre mein Leben ohne dieses Talent?

In jedem Fall chaotischer und – von meinem Standpunkt aus – viel unübersichtlicher. Ob mein Leben objektiv unübersichtlicher wäre, das überlasse ich jetzt den Super-Denkern unter euch.

Im Alltag würde ich das tun, was mir gerade in den Sinn kommt. Vermutlich würde ich mich mehr auf intuitive Weise auf Situationen einlassen – ohne diese Systematisierungs- und Sortierungsgedanken, die bei mir stets parallel im Hinterkopf mitlaufen.

Ich wäre „Lost in Moment“.

Ich hätte, zurückblickend gesehen, bestimmte Aufgaben nicht bewältigt. Ich denke dabei an bestimmte Datenauswertungen in Excel, für die ich verantwortlich war. An andere Aufgaben wäre ich mit einer anderen Herangehensweise heran gegangen – ohne sagen zu können, ob ich sie damit besser oder schlechter gelöst hätte.

Die Antworten hauen mich gerade um. Ich merke, wie tief ich mit meinem Können identifiziert bin. Stelle fest, dass mir ein anderes In-der-Welt-sein entgeht, das sich im Gedankenexperiment interessant anfühlt.  

5. Welches Talent würde ich gerne haben?

Ich würde gerne Bildhauen können. Das ist eine immense Herausforderung, aus einem Klumpen Stein oder einem Stück Holz eine Skulptur heraus zu arbeiten. Es braucht jede Menge handwerkliches Geschick, ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen und Mut – denn was man einmal abschlägt oder abfeilt hat, ist ab.

6. Wie wäre mein Leben mit diesem (neuen) Talent?

Hm. Gesegnet mit einem besseren räumlichen Vorstellungsvermögen könnte ich besser einparken. Meine Einkaufstaschen & Koffer würde ich geschickter packen (Ich hätte allerdings weder Einkaufsliste noch Packliste für den Koffer). Und mit handwerklichen Geschick würde ich Heimwerker-Tätigkeiten für meine Wohnung nicht mehr vor mir herschieben. (Meine Räume wären dann vermutlich aber nicht mehr so aufgeräumt und übersichtlich).

Vor allem würde ich Skulpturen herstellen! Skulpturen aus Holz, die man gerne anfasst, über die man gerne mit den Händen drüber gleitet. Die eine Freude für’s Auge sind. Stunden, ach was, Tage in meinem Atelier verbringen und mich körperlich verausgaben.

7. Fazit: Würde ich mein Talent tauschen – in echt und für immer?

Puh.

Ich bin verblüfft, wie eng ein besonderes Können mit Identität zusammen hängt. Eigentlich klar – ich hatte mir vor diesem Blogbeitrag keine großen Gedanken darum gemacht. Ich bin die, die voll gut …. kann. Und ich bin die, die nicht gut … kann. Unsere Begabung machen wir oft zum Beruf oder zum professionellen Hobby.

Aber dieses „Ich kann gut dies & das“ ist immer eine Geschichte, eine Story über sich selbst, die man mit sich herum trägt und wiederholt präsentiert. Das impliziert Einschränkungen.

Ich hätte gerne eine kurze, klar begrenzte Schnupperzeit in Sachen „Talenttausch“.

Mich reizt es, ganz andere Erfahrungen zu machen und zu schauen, was diese mit mir und meinem Leben machen. Auf der anderen Seite frage ich mich, wie ich dann mit meiner Hochsensibilität umgehe, ob mich die Komplexität einer Situation nicht umhauen würde.

Ich habe mein Strukturierungs-Talent jetzt exemplarisch heraus gegriffen. Ich frage mich, ob Begabungen generell eine so wichtige Funktion im Leben einnehmen, dass wir an ihnen auch festhalten.

Ich nehme dieses kleine Denk-Experiment als Anreiz, mich mehr im Modelling zu probieren. Grundlage des Modellierens ist die Fähigkeit, sich möglichst präzise in die subjektive Erlebenswelt des anderen Menschen hineinversetzen zu können. Das kann man auch mit Talenten machen. Wie ist es, ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen zu haben? Wie fühlt es sich an, große Skulpturen zu schaffen? Dabei gewinnt man Informationen, die relevant sind, um zu verstehen, wie der andere sein inneres Erleben organisiert und aufrecht erhält.

Und dies ist der Beitrag von Gitte: Talent tauschen

14 Kommentare

  1. Hey,

    ich denke das „Problem“ ist vor allem, dass man stolz auf die eigenen Talente ist. Dass man toll findet, dass man dies und jenes gut kann.. und sich auch so definiert.

    Klar, würde man vielleicht irgendwas auch gerne gut können, aber das hieße ja, dass man etwas anderes hergeben müsste. Ich kann zum Beispiel überhaupt nicht mit Zahlen umgehen, die sind für mich nicht so richtig greifbar, ich definiere eher in Farben oder Emotionen und wenn ich Zahlen besser erfassen könnte, könnte ich wohl nicht so gut „fühlen“. Verstehst du was ich meine?

    Liebe Grüße,
    Ronja

    • Hallo Ronja,

      ich glaube, ich verstehe, was du meinst.

      Den Stolz sehe ich auch kritisch. Er ist oft unflexibel und selbstbezogen. Stolze Gedanken und Bilder drehen sich hauptsächlich um unsere Taten und unser Können – und andere bemerken wir dann nicht mehr wirklich.

      Genau das ist ja so „tricky“ an der ganzen Geschichte: Wenn du ein Talent hast, dann entgeht dir ein anderes Sein in dieser Welt. Und wenn du auf dein Talent noch stolz bist, dann entgeht dir noch mehr von diesem anderen Sein. Es gibt eine Menge Erfahrungen, die du nicht machst. Das ist sozusagen ein Grund-Dilemma.

      Deshalb finde ich Gelegenheiten, in denen du aus deiner Haut schlüpfen kannst, so wertvoll.

      Liebe Grüße,

      Barbara

  2. Hey Barbara,

    ich bin zufrieden mit meinen Talenten. Obwohl… 😀

    Lieber Gruß,
    Philipp

  3. Guten Morgen, Barbara,

    da ich meinen Artikel ja gestern geschrieben habe (nur noch nicht eingebaut, mach ich nachher, wenn ich wach bin) durfte ich jetzt deinen lesen. 🙂

    Wie spannend, wie du das angepackt hast! Das mit dem „Was ist eigentlich eni Talent für mich selbst“ und „Was würde ich hergeben“ hatte ich natürlich auch – doch ich hab mir das gar nicht auf eines eingegrenzt, das ich dann hergeben müsste.

    Finde ich super! Und wie du es gleich ins „wie verändert sich mein Leben“ so praktisch umgesetzt hast – „könnte ich Bildhauen, könnte ich besser einparken.“ Großartig!

    Ja, so vielschichtig ist das. Ist bei mir etwas anders ausgefallen und ich hab viel mehr geschrieben, weil immer noch ein Gedanke dazukam … *lach*.

    Tolles Gedankenexperiment! Ich hab auch draus gelernt, da näher hinzuschauen.

    Bis nachher
    und einen schönen Sonntag
    Gitte

    • Hallo Gitte

      So spannend – ich habe das eben auch auf deinem Blog geschrieben – mit jemanden zusammen und doch getrennt zu hirnen.

      Stell‘ dir nur mal vor, wir hätten unseren Grips zusammen geschmissen und einen gemeinsamen Beitrag gemacht – kaum zu toppen! Da kämen wir dann zu der Frage, ob Talente in der Zusammenarbeit potenzierbar sind. Oder wie sie sich gegenseitig befruchten. Das Thema ist noch lange nicht zu Ende gedacht.

      Ich freue mich, dass wir diese kleine Aktion so durchgezogen haben.

      Herzlich,

      Barbara

  4. Pingback: Talent tauschen | Himbeerwerft

  5. Liebe Barbara,

    ich sitze zusammen mit Bassetdame Wilma vor deinem Artikel und finde ihn sehr anregend und – wie immer – schön geschrieben.

    Das ist in der Tat ein großes Thema (so gar nicht planktonmäßig, hehe), und ich wüsste jetzt gar nicht, wie das bei mir aussehen könnte. Da auch ich gerne strukturiere, würde ich darauf auf keinen Fall verzichten mögen. Oder etwa doch? Ich merke jetzt schon, wie sich mein Hirn ausrenkt, bei dem Gedanken… ;o)

    Bin gespannt, was noch hier kommentiert wird – und was Gitte dazu schreibt.

    Herzliche Grüße und ein *Wuff* vom Sofa

    Sabine

    • Liebe Sabine,

      das hast du glasklar erkannt – Gitte und ich haben uns im Starnberger See vergnügt, anstatt Plankton zu produzieren ;-).

      Jetzt, wo ich Gittes Beitrag gelesen habe, tun sich mir noch weitere Fragen auf … das Thema ist echt komplex und auch mein Hirn lief Gefahr, sich auszurenken.

      Ein ordentlicher Ohrenkrauler an Wilma und herzliche Grüsse an dich

      Barbara

  6. Hallo Frau Momo!
    Lustig, ich bin über Gitte’s Beitrag hierher gekommen. Ich habe auch schon einmal darüber nachgedacht, einem Talentetauschnetzwerk beizutreten und habe mir auch die Frage gestellt, was ich denn anbieten könnte. Habe ich überhaupt Talente? Dein Beitrag stupst mich an, doch weiter darüber nachzudenken.
    Zum Modelling will ich dir gerne raten, statt etwas aus etwas heraus zu modellieren am Anfang etwas von etwas „her-zu-modellieren“. Weiß nicht, wie ich das besser ausdrücken könnte. Nimm ein Stück Ton und mache daraus eine Figur. Das ist ein gutes Beispiel. Mir persönlich ist das leichter gefallen als aus einem Stück Holz eine Figur zu machen. Da baut sich die Vorstellungskraft anders auf, da entsteht etwas aus dem „Nichts“. Viel Spaß beim Modellieren!
    Liebe Grüße
    Sylvia

    • Hallo Sylvia

      Ich glaube dich zu verstehen. Beim Malen erlebe ich unterschiedliche Herangehensweisen an ein Bild: Zum Beispiel: Das Bild, das auf dem Blatt entstehen will und das Bild, das ich einfach drauf male. Kann es auch nicht besser ausdrücken.

      Ich habe schon viel mit Ton und Holz gearbeitet, hatte auch schon richtig Unterricht im Bildhauen. Aber es hat halt nicht „gefunzt“ oder „gefunkt“. Das ist beim Malen/Zeichnen beispielsweise anders, da ist in irgendeiner Form Talent da.

      Dennoch habe ich Lust, das noch einmal auszuprobieren: An das Bildhauen heran zu gehen aus der Perspektive eines Menschen, der es kann. Modelling praktizieren.

      Liebe Grüsse

      Barbara / Frau Momo

  7. Super Beitrag, liebe Frau Momo!
    Meine Talente…sind…äh…mmh.

    Es wäre jedenfalls schön, wenn du mal über deine Talenttauschring-Aktionen berichten könntest und was da konkret passiert. ich hab auch schon mal überlegt, so einem Netzwerk beizutreten, aber ich kann mir das so schlecht vorstellen und ich weiß nicht, wie viel Kraft und Zeit mich das kostet, da wäre ein Bericht aus erster Hand recht hilfreich..

    Oh, mein Talent ist vielleicht Blogpost-Ideen für andere erfinden! 😀 😀

    • 🙂

      Ja, ich werde berichten. Habe heute auch die erste konkrete Idee gehabt, was ich nachfragen möchte. Mal sehen, ob es einen Menschen dort gibt, der gut mit Elektrik umgehen kann.

      Dein Talent könntest du ausbauen: „Fragen Sie Frau Ding Dong – und es macht „Dingdong“ in Sachen neuer Blogpost“. Denn es gibt ja auch die berühmt berüchtigte Blogkrise.

  8. Hallo Frau Momo,
    was für ein toller Beitrag, Bin leider jetzt erst drüber gestolpert und es hat mich direkt angesprochen – ich wäre nämlich die perfekte Tauschpartnerin für dich. Ich habe ein ausgesprochen gutes räumliches Vorstellungsvermögen und als ich vor ein paar Jahren über die Specksteinbearbeitung gestolpert bin, hatte ich in Windeseile ein neues Hobby. Bereits das 3. Objekt, das ich gestaltet habe, war eine komplexe Reiterstatue. Die Kursleiterin hats ziemlich vom Stuhl gehauen ;-).

    Auf der anderen Seite (wie mein Nick indiziert) bin ich eher der Typ „kreatives Chaos“ und werde vermutlich nie so strukturiert und organisiert sien, wie du es anscheinend bist…

    So einenen Talentetausch fände ich aber wohl nur auf Zeit – einfach um mal reinzuschnuppern – interessant. Ob das auf die Dauer so gut wäre, ist die Frage.
    Da mein Beruf ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen zwingend erfordert, könnte ich dieses Talent wohl langfistig nicht entbeheren. Hätte ich es nicht, würde ich sicher ein völlig anderes Leben führen.

    Und mit meiner „Struktur-Schwäche“ haben ich und mein Umfeld sich auch irgendwie arrangiert. 😉
    Liebe Grüße
    Astrid

    • Liebe Astrid

      Nachdem was du schreibst, würde mich ein Talente-Tausch echt mal reizen. Nur so für einen Tag. Einfach mal erleben, wie das ist, wenn man komplexe Reiterstatuen aus Speckstein herstellt und als Chaoskämpferin den Tag bestreitet.

      Liebe Grüße

      Frau Momo / Barbara

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