frau momos minimalismus

WIN FOR LIVE

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WIN FOR LIVE

Ich habe da so ein kleines Ritual. Samstags gehe ich einkaufen und wenn ich im Einkaufszentrum bin, schaue ich, ob ich ein Schnägg im Portemonnaie habe. Der Ausdruck „Schnägg“ ist Schweizerdeutsch und steht für ein Fünffrankenstück. Eine wirklich tolle Münze, sofern man Münzen toll finden kann, aber ich tue das irgendwie und trauere ja insgeheim auch noch den Fünfmarkstück hinterher.

Also, wenn ich einen Schnägg in meiner Geldbörse vorfinde, dann gehe ich zum Kiosk im Einkaufszentrum und kaufe mir ein Rubbellos. Aber nicht irgendeines, nein, es muss ein WIN FOR LIVE-Rubbellos sein. Hauptgewinn sind 4000 Franken monatlich für 20 Jahre. Manchmal schummle ich auch ein wenig und bezahle extra bar und mit grossen Scheinen, damit ich am Samstag auf jeden Fall ein Schnägg im Portemonnaie habe und mir ein Rubbellos kaufen kann. Ein Rubbellos muss mit einem Schnägg bezahlt werden, das gehört zum Ritual.

Eigentlich bin ich von Haus aus gar keine Spieler-Natur. Mein Ex-Göttergatte ist „schuld“, dass dieser Trieb in mir geweckt ist. Als wir uns kennenlernen, spielt er jeden Samstag Lotto. Ich finde das zunächst befremdlich und irgendwie auch ziemlich spiessig, aber das wird alles von diesem hormongeschwängerten, manischen Höhenflug der ersten Verliebtheit deutlich abgeschwächt. Außerdem ist mein Ex-Göttergatte Banker und Diplom-Kaufmann, das verschafft ihm eine Art „Vertrauensvorschub“ in Sachen Geld-Kompetenz. Schliesslich entwickelt sich aus dem Lotto-Spiel ein kleines Beziehungs-Ritual. Jeder von uns darf samstags eine bestimmte Anzahl Tipps abgeben, die wir aus dem Haushaltsbudget finanzieren. Wir necken uns gegenseitig ob der Tipp-Methode, der der jeweils andere nachgeht und jeder Mini-Gewinn wird frenetisch gefeiert – so als als ob wir dadurch den Lotto-Gott wohlgesonnen stimmen würden. Der höchste Gewinn in all den Jahren sind 250 Euro.

Wie ich auf WIN FOR LIVE aufmerksam werde, erinnere ich leider nicht mehr. Eines Samstags versuche ich mich am Kiosk auf die humorvolle Art und bestelle das Los mit den Worten: „Einmal ein WIN FOR LIVE-Los, aber diesmal mit Gewinn bitte.“ Der Mann hinter der Kasse findet das urkomisch, begeistert wiederholt er das immer wieder: „Ha, ha, das ist gut, mit Gewinn, das merke ich mir“. Und er merkt es sich tatsächlich. Jedes Mal, wenn ich fortan bei ihm ein Los kaufe, hebt er wissend den Zeigefinger, strahlt mich an, sagt „Einmal WIN FOR LIVE mit Gewinn, ich weiß“ und greift zur Losbox. Ich muss das Los gar nicht mehr ordern.

Mir geht immer ein wenig das Herz auf, wenn das passiert. Ich hebe den Mann innerlich in den Stand eines Glücksengels und nehme mir vor, ihm im Falle des Hauptgewinns einen Präsentkorb zu schenken. Das hat man sich als lachender Glücksengel schliesslich verdient. Dann wird das Einkaufszentrum umgebaut, der Kiosk eröffnet an anderer Stelle neu und seitdem steht der Mann nicht mehr hinter der Kasse des Kiosk. Glücksengelmangel.

Einmal weihe ich eine Freundin in mein Ritual ein. Sie ist völlig verblüfft, dass ich „so etwas“ mache, aus ihrer überraschten Reaktion schliesse ich, dass sie es wohl eher niveaulos und naiv findet. „Du kaufst dir Rubbellose?!?! Zugleich ist sie offensichtlich fasziniert und will dann unbedingt stante pedes so ein Los kaufen. Ich gehe ritualbrüchig an einem SONNTAG (!) mit ihr in einen Kiosk an einem Bahnhof. Sie schaut sich dort um als wären wir in der Ausnüchterungszelle gelandet. „Das ich tatsächlich so etwas mache“ murmelt sie fassungslos.

Kurz darauf sitzen wir in einem Café. Ich erzähle ihr begeistert, dass man nun natürlich nicht einfach drauf los rubbelt. Nein, da gibt es bedeutungsschwangere Routinen, wie und in welcher Reihenfolge man die die Felder frei rubbelt. Und ich rubbele es ihr vor. Aber sie steckt ihr Los schnell unaufgerubbelt (!) in ihre Tasche und nuschelt was davon, dass sie das Zuhause machen wird. Ich glaube, es ist ihr peinlich, dass sie sich durch mich dazu hinreissen lassen hat, so ein Los zu kaufen. Ich finde sie in ihrem Bestreben nach Coolness natürlich mindestens ebenso peinlich und ein wenig kratzt mich das auch, dass ich jetzt als Rubbellos-Dubeli dastehe und mein Ritual so wenig Würdigung findet. Ich beschliesse, dass sie keinen Präsentkorb bekommt.

So bin ich mit meinen Rubbellos-Ritual auf mich alleine gestellt. Kein Engel mehr am Kiosk und als peinliche Freundin abgestempelt. Aber ich mag mein Ritual und behalte es bei.

Eines Tages spreche ich mit einem Bekannten, der Seelsorger ist. Also, will sagen: Ich habe ihn nicht aus seelsorgerischen Gründen aufgesucht, er ist einfach Seelsorger von Beruf, ein Pfarrer, also ein Mann Gottes. Und dieser Mann Gottes, da kommen wir zufällig im Laufe des Gesprächs drauf, kauft WIN FOR LIVE-Lose! Ja! Das finde ich cool und nehme es als einen Fingerzeig. Wenn ich heute ein Los kaufe, denke ich an den Seelsorger, meinem geistig Verbündeten in Sachen WIN FOR LIVE.

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2 Kommentare

  1. 🙂
    Ich habe gelacht und finde dir Marotte süß und witzig. Zumal ich immer erzähle, ich möchte gerne zwei Millionen im Lotto gewinnen ( und spiele gar nicht).
    Ist das sowas wie die Aktion Mensch Lose?

    • Zwei Millionen im Lotto gewinnen zu wollen ohne zu spielen – wenn das klappt, ist das reine Lebenskunst 🙂

      WIN FOR LIVE gehört zu Swisslos, einer Landeslotterie in der Schweiz. Ihren Reingewinn überweist Swisslos vollumfänglich an die auftraggebenden Kantone zur Unterstützung des Gemeinwohls. In diesem Sinne haben die Lose einen sozialen Hintergrund.

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