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Wie du deine „Ich-muss“-Sätze minimieren kannst

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In langen Schritten zur kurzen Erkenntnis:

Die vielen „Muss“ in meinem Leben sind gar kein „Muss“

Neulich renne ich in so langen Schritten nach Hause, völliger Tunnelblick auf die Pflastersteine vor mir, im Kopf stapeln sich nur noch Gedanken wie „Ich muss noch dieses erledigen“ und „Ich muss noch daran denken“; ich bin also voll im „Ich-Muss-Modus“.

Vor einer Grossbaustelle bleibe ich plötzlich stehen. Ich schaue hoch, sehe den Kran schwere Betonplatten hieven und fühle mich plötzlich ganz erdrückt. So ein schöner Sommertag und ich hetze wie eine Blöde durch die Gegend!

Völlig unvermittelt habe ich einen dieser absoluten Klarheitsmomente: Ich habe es hier mit einem vollkommen hausgemachten Sturm im Wasserglas zu tun. Nur weil ich mir einbilde, ich muss all das, was mir da gerade im Kopf umherschwirrt, alles noch erledigen!

Plötzlich fällt alle Anspannung von mir ab. Meine Schultern senken sich, mein Blick wird klar, alles um mich herum bekommt mehr Kontur und Schärfe. Und da ist dieser Bauarbeiter, der mir zuwinkt. Ich winke zurück, lache, gehe nach Hause – ganz langsam.

Ich fühle mich gelassen und präsent.

„Muss“ macht Druck – und schön ist es auch nicht

Wie oft und schnell sagen wir „Ich muss …“? Dabei geht es in der Regel um die kleinen Dinge des Alltags. „Ich muss noch etwas einkaufen“ oder „Ich muss noch auf die Post“. Aber auch bei grossen Lebensthemen „müssen“ wir ständig: „Ich würde ja gerne meinen Job wechseln, aber ich muss mein jetziges Einkommen halten“ und und und

Das Problem beim „Ich muss“ ist, dass es eine Art künstliches Gefängnis ist, in das wir uns selbst einschliessen. Oft bestehen dieses Müssens aus unseren Erwartungen und Ansprüchen an uns selbst, dann wieder denken wir, dass andere etwas von uns erwarten. Und manchmal tun sie das tatsächlich. Doch diese Erwartungs- und Anspruchshaltung versperrt uns den Blick auf Alternativen: Was würde denn passieren, wenn ich heute nicht mehr auf die Post gehe und der Brief einen Tag später ankommt? Oder wenn ich heute nicht mehr einkaufe, sondern einfach einmal meinen Vorratsschrank plündere?

Vor allem sagt ein „Ich muss“ nichts darüber aus, was wir wollen und wofür wir uns bewusst entscheiden. Zum Beispiel: „Ich wähle bewusst, diesen Job noch eine Weile zu machen, weil es mir zurzeit wichtig ist, dass ich mein Einkommensniveau halte.“

Achte doch einmal drauf, wie oft du etwas „musst“

Hier habe ich ein paar einfache Anregungen, wie du deinen „Ich muss“-Sätzen auf den Zahn fühlen kannst:

Die Selbstwahrnehmung schärfen. Ab jetzt, wo du diesen Beitrag gelesen hast, wirst du automatisch bemerken, wenn du wieder mal „Ich muss“ sagst oder denkst. Vielleicht „musst“ du sogar schmunzeln, weil du wahrnimmst, wie oft dir dies passiert.

Was wäre wenn …? Es ist eine gute Übung, mal zu hinterfragen, ob du das auch wirklich tun musst. Was passiert, wenn du es nicht – oder nicht jetzt tust? Hinterfrage das einfach mal ganz neugierig.

Probeweise das „Ich muss“ durch ein „Ich möchte, weil …“ ersetzen: „Ich möchte heute Abend noch meine Online-Überweisungen machen, weil es mir wichtig ist, dass meine Finanzen in Ordnung sind“. „Ich möchte meine Tochter vom Reiten abholen, weil ich dann weiss, dass sie sicher nach Hause kommt und nicht alleine an einer abgelegenen Bushaltestelle steht“.

Möchtest du dir das Müssen abgewöhnen? Das „musst“ du natürlich nicht. Aber wenn du willst, hilft dabei ein kleines Spiel: Du kannst ein Sparschwein aufstellen und für jedes „Ich muss“ ein Euro reinwerfen. Von dem Gesparten darfst du dir dann feierlich was gönnen. Was erfahrungsgemäss noch besser klappt: Wenn du ein Kind hast, schenke ihm 50 Cent für jedes „Ich muss“, dass es dich sagen hört. Du glaubst gar nicht, wie gut dein Kind dir zukünftig zuhören wird und mit welcher diebischen Freude es dich auf deine „Ich muss“ aufmerksam macht.

 

9 Kommentare

  1. Hallo!

    Mir hat Dein Beitrag so gut gefallen, dass ich ihn auf

    http://wwwfundstuecke.wordpress.com/2014/08/18/wie-du-deine-ich-musssatze-minimieren-kannst/

    rebloggt und da auch um meine eigenen Gedanken ergänzt habe.

    Es ist SO wichtig, sich aus dieser „ich-muss“Opferrolle herauszuholen um ein schönes Leben zu haben!

    Danke für den schönen Beitrag!

    lg
    Maria

    • Hallo Maria

      Vielen Dank für das Verlinken. Ich freue mich total darüber, dass dir der Beitrag gefallen hat!

      Die Sprache, die ich benutze, wirkt sich auch darauf aus, wie ich die Dinge erledige. Wenn ich sage/denke „Ich muss noch Yoga machen“ klingt das für mich nach einem noch abzuhakenden Punkt auf meiner To-Do-Liste. Und ich „ertappe“ mich manchmal dabei, wie ich dann auch mit genau dieser inneren Haltung ans Werk gehe.

      Zu sagen „Ich möchte jetzt Yoga machen, weil ich weiss, wie gut sich mein Rücken hinterher anfühlt“ lässt Vorfreude in mir entstehen. Ich gehe mit einer anderen inneren Einstellung in meine Yoga-Stunde und dies wirkt sich auf die Qualität der Übungen aus.

      Wie ist das bei dir und deiner Küche? Macht es dir vielleicht einen µ („mü“) mehr Spass, wenn du die Küche sauber machen „möchtest“, auch, wenn es nicht zu deinen Lieblingsjobs zählt? Einfach, weil du daran denkst, wie schön es ist, morgens in eine aufgeräumte Küche zu kommen?

      LG Barbara

  2. Liebe Barbara,

    ich gratuliere dir ganz herzlich zu Deinem Artikel. Richtig schön, den Beitrag hier im BLOG zu lesen, da ich ja ein wenig von der Entwicklung mitbekommen habe.

    „ich muss gar nix“ – ist ein prima Anker für mich – allein dieses „Mantra“ hilft mir, die Perspektive zu wechseln und schon bin raus aus der Opferfalle. Es ist dann so wie du sagst im Kommentar: ich geh mit einer anderen inneren Einstellung ran. Dann wird es einfach mein Ding, und das fühlt sich gut an. Ich kriege Schwung, das Ding auch anzupacken.

    Danke für den Anker! Ich packe ihn in mein Köfferchen und hab ihn immer dabei.

    Liebe Grüße
    Anna

    • Liebe Anna

      Ja, wir beide waren zusammen in Gitte Härter’s Sommerakademie (Schreibworkshops der Schreibnudel.de, in denen es richtig zur Sache geht – auch „Härters Bootcamp“ genannt ;-). Dieser Text ist im Rahmen des Workshops entstanden. Danke für diese Vorlage, Anna, dann konnte ich das mal eben ganz elegant hier einfliessen lassen und die Schreibnudel weiter empfehlen.

      Mantras im Köfferchen – oder im Handgepäck, das gefällt mir.

      Ja, das „Ich muss gar nix“ ist kraftvoll. Es hilft mir, mich wieder zu besinnen: Was will ich eigentlich wirklich?

      Es gibt noch ein schönes Mantra, das mir gerade einfällt: „Wie vor Was“.

      Danke für deinen Kommentar, Anna.

      Liebe Grüsse

      Barbara

      • Hallo Barbara!

        Genau so ist es, wenn ich aus dieser Opferrolle raus komme und es für mich tue. ich glaube, es ist auch wichtig, die Motivation zu suchen, warum man es machen MÖCHTE.

        lg
        Maria

  3. Huhu,

    das „Müssen“ trainiere ich mir auch immer mehr ab.

    In diesem Zusammenhang hab ich mal einen tollen Spruch irgendwo aufgeschnappt, keine Ahnung mehr wann und wo:

    „Müssen verdirbt wollen.“

    Der sagt doch eigentlich alles ;o)

    Liebe Grüße
    Sabine

    • Huhu Sabine

      Weißt du, an was mich dein Kommentar wiederum erinnert?

      Ich habe gerade neulich einen Blog-Beitrag gelesen, in dem es auch um die ganzen „Müssens“ ging. Die Autorin gab den Tipp, aus so einem Muss-Satz einfach das Wort „muss“ zu eliminieren. Beispiel: Ich muss noch zur Post gehen —> Ich gehe noch zu Post. So ein Satz ohne „muss“ fühlt sich gleich ganz anders an, gell?

      Das brachte mich auf die Frage, ob es bei den Dingen, die wir wirklich wollen, überhaupt Modalverben braucht. Denn dann tut man sie einfach.

      Liebe Grüße in den hohen Norden

      Barbara / die Frau Momo

  4. Liebe Barbara

    Ich habe immer wieder mal in deinem Blog gelesen. Ich bin noch nicht lange auf dem Minimalismus-Weg und habe dich gefunden, weil es mich interessierte, ob denn auch jemand aus der Schweiz zu diesem Thema bloggt.

    Dein Beitrag übers MÜSSEN ist total inspirierend – VIELEN DANK!

    Herzliche Grüsse
    Daniela

    • Liebe Daniela

      Vielen Dank, dass du ein paar Zeilen geschrieben hast.

      Und es freut mich total, dass du den Beitrag über’s Müssen inspirierend findest. Mit dem Bauarbeiter, der im Beitrag vorkommt, verband mich noch eine wochenlange „Wink-Freundschaft“. Das heisst, wann immer ich an der Baustelle vorbei ging, winkten wir uns zu. Das war ein schöner Reminder … auch dafür, immer mal wieder zu schauen: Wie sieht es denn gerade mit meinen „Müssens“ aus? Nun ist das Haus fertig gestellt, der Innenausbau beginnt und der Bauarbeiter ist nicht mehr da. Aber vielleicht bleibt das Haus dennoch mein „Müssen-Reminder“.

      Ja, es gibt scheinbar nicht so viele Minimalismus-Blogger in der Schweiz. Eigentlich kenne ich nur noch Sarah und ihren Blog http://minimalismjourney.com.

      Herzlich, die Frau Momo

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