frau momos minimalismus

Was kommt nach dem Minimalismus?

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Fragen sie Frau Momo

Liebe Frau Momo, 

ich frage mich, was nach dem Minimalismus kommt. Was mache ich, wenn Kleiderschrank und Keller entrümpelt und nachhaltigere Einkaufsroutinen etabliert sowie die Freizeit von unliebsamen Pflichten befreit sind? Ich werde in naher Zukunft mein Arbeitspensum erheblich reduzieren und frage mich, was ich dann mit der neu gewonnen Zeit und meinem einfachen Leben anfangen werde. Wie wird es sein, wenn ich das Wertvollste, nämlich mehr Zeit, zur Verfügung habe? Ich habe Angst davor, nutzlos auf dem Sofa herumzusitzen und fürchte mich davor, dass dann schlechte Gedanken kommen.

Frau H. aus B.

Liebe Frau H.

Sie sind mit dieser Frage nicht allein, viele an Minimalismus interessierte Menschen stellen sie. Sie berührt ein ganz wesentliches Thema: Was mache ich in dem Augenblick, in dem ich mir selbst begegne? Wenn keine Konsumkäufe und Berufstätigkeit, keine familiären Ansprüche mich davon abhalten, freie, unverplante Zeit mit mir selbst zu verbringen. Zeit, die nicht dem Geldverdienen und Geldausgeben dient, nicht der Pflege und Wartung von Besitz.

Ist es nicht interessant, dass dieses „Endlich mehr Zeit für mich“ so plötzlich zur Bedrohung wird? Was gibt es zu tun, wenn nichts getan werden muss? Wer bin ich, wenn ich (so gut wie) nichts mehr „muss“?

Das naheliegendste Vorhaben: Sich in andere, „bessere“ Aktivitäten stürzen zu wollen: Engagement für die Umwelt; endlich das Buch schreiben, das Sie schon immer schreiben wollten; kreativ sein: malen, zeichnen, fotografieren, bildhauen, schreiben, basteln, tanzen; mehr Zeit mit Ihren Liebsten verbringen; sich bewegen und in der Natur sein.

Wenn die Zeit kommt, in der man könnte, ist die Zeit vorüber, in der man kann

Marie von Ebner-Eschenbach

Aber was, wenn der „Drive“ zum Schreiben eines Buches plötzlich fehlt? Die Freunde tagsüber keine Zeit haben, da diese noch mit Geld verdienen beschäftigt sind? Die selbst erstellten Kunstwerke alle nicht den eigenen Ansprüchen genügen? Wenn nach zwei Wochen Zeltleben eine heisse Dusche das Schönste auf Erden erscheint? In der Regionalgruppe der Umweltschutzorganisation, in der Sie sich engagieren, gefühlt nur Deppen sitzen, mit denen Sie nicht zurecht kommen? Was, wenn alle Träume von einem anderem Leben in sich zusammenfallen?

Ich habe eigentlich nur den einen Tipp: Stellen Sie sich Ihrer Angst. Stellen Sie sich Ihrer Angst, dem Gefühl von Nutzlosigkeit auf dem Sofa zu sitzen und von negativen Gedanken heimgesucht zu werden. Finden Sie heraus, was in diesem Augenblick wirklich mit Ihnen und in Ihnen passiert.

Tu was du fürchtest und deine Angst stirbt einen sicheren Tod

R.W. Emerson

Finden Sie es mit all Ihrem Herzblut heraus. Setzen Sie sich aufs Sofa und schauen Sie, wie sie sich wirklich fühlen und was Ihnen für Gedanken kommen. Seien Sie einfach achtsam. Schauen Sie weiter: Was ist neben Gedanken noch da? Was spüren Sie? Was fühlen Sie in sich? Was sagt Ihnen Ihre innere Stimme? Wann fangen Sie an, dieser inneren Stimme zu folgen und was tun Sie dann?

Vor langer Zeit habe ich Stunden in Alexander-Technik genommen. Mein Lehrer brachte mir in diesen Stunden etwas Entscheidendes bei: Manchmal ist es sinnvoll, das Geschehen lediglich als Information zu nehmen. Er setzte einen Impuls und mein Körpersystem antwortete. Entscheidend ist, diese Antwort nicht als „gelungen/richtig/erfolgreich“ oder „nicht gelungen/falsch/nicht erfolgreich“ zu werten.

Vielleicht können Sie sich mit dieser Haltung auf Ihr Sofa setzen: Achtsam schauen was kommt und das, was kommt, als Information nehmen. Und wenn schlechte Gedanken kommen, dann kommen schlechte Gedanken. Finden Sie heraus, wie Sie mit dieser Situation dann umgehen wollen – ohne diese Situation oder sich selbst zu verurteilen.

Herzlichst,

Ihre Frau Momo

Ein Kommentar

  1. Chapeau – ein richtig schöner Text, dem ich rein gar nix schlaues mehr hinzufügen kann. Könnte ein ZEN-Text sein…

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