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Warum du deinen Newskonsum radikal minimieren solltest

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Ausschnitt aus dem Bild "Nachtessen in Dresden" von Georg Baselitz. Aufgenommen im Kunsthaus Zürich.

Ausschnitt aus dem Bild „Nachtessen in Dresden“ von Georg Baselitz. Aufgenommen im Kunsthaus Zürich.

News: Billige Zuckerbomben fürs Gehirn

Über Frau Ding Dongs Wochenrückblick bin ich auf das Essay „Vergessen Sie die News“ von Rolf Dobelli aufmerksam geworden. Ich finde diesen Text, der zugleich als Konzentrationstest angelegt ist, höchst lesenswert.

„Dieser Text ist ein Gegengift für die News. Er ist lang. Wenn Sie es schaffen, ihn zu Ende zu lesen, können Sie sich glücklich schätzen. Sie gehören noch nicht zu den News-Junkies, die so viel von dem Kurzfutter konsumieren, dass sie ihre Konzentrationsfähigkeit verloren haben.“

Auf sieben eng beschriebenen Seiten führt Dobelli aus, warum News für ihn reines Gift für Gehirn und Geist sind und gibt anschliessend Empfehlungen für eine „gesunde Nachrichtendiät“.

„Lesen Sie lange Artikel, Bücher und Buchzusammenfassungen, die nicht davor zurück schrecken, die Komplexität der Welt darzustellen.“

Ein paar Aussagen in dem Essay haben mich besonders angesprochen, die ich in diesem Beitrag vorstelle.

Billige Zuckerbomben für den Geist

Gelungen finde ich Dobellis Fast Food-Analogie. Als ich diesen Abschnitt las, wurde ich an den Ausdruck Verhungern an vollen Töpfen erinnert – an den Zustand, trotz eines reichhaltigen Angebotes nicht genährt zu werden, weil die Fülle eben nicht die Qualität besitzt, die man zum Leben braucht.

„News sind für den Geist, was Zucker für den Körper ist. News sind appetitlich, leicht verdaulich und gleichzeitig höchst schädlich. Die Medien füttern uns mit kleinen Häppchen trivialer Geschichten, mit Leckerbissen, die unseren Hunger nach Wissen nicht wirklich stillen. Anders als bei Büchern und guten Magazinartikeln stellt sich beim Newskonsum keine Sättigung ein. […] sie bleiben billige Zuckerbomben für den Geist.“

Burnout als Folge falscher Einschätzungen von Risiken?

News blenden das Feinsinnige, Komplexe, Abstrakte und Hintergründige aus. Dies führt laut Dobelli zu Fehleinschätzungen von Risiken.  Beispielhaft nennt er an erster Stelle die Überschätzung des Terrorismus und die Unterschätzung von chronischen Stress. In Zeiten, in denen viele Menschen wie auch die Sozialsysteme unter der massiven Zunahme von Stresskrankheiten ächzen, eine wichtige und bemerkenswerte Aussage.

Irrelevant & nutzlos für das persönliche Leben

Überzeugend fand ich ebenfalls Dobellis Ausführungen zu der Relevanz von News für das persönliche Leben. Denn wenn ich zurück blicke auf die bedeutenden Entscheidungen und Entwicklungen in meinem Leben, dann waren es jedenfalls nicht Newsformate, die mich inspirierten und mir wichtige Impulse gaben.

Tiefes Denken braucht Konzentrationsfähigkeit

 „Je mehr News wir konsumieren, desto mehr trainieren wir neuronale Schaltkreise die auf das Überfliegen von Informationen und auf Multitasking angelegt sind. Gleichzeitig werden jene Schaltkreise atrophiert, die für vertiefte Lektüre und tiefgründiges Denken notwendig sind. „

Beste Massnahme für mehr Konzentrationsfähigkeit ist laut Dobelli die Newsabstinenz. So werden beispielsweise auch die Umschaltungskosten vermieden, die entstehen, wenn man nach dem Konsum von News wieder zu einer Tätigkeit zurück kehrt und sich dafür erst einmal sammeln muss.  

Ausschnitt aus dem Kunstwerk "Secretion" von Tony Cragg. Aufgenommen im Kunsthaus Zürich.

Ausschnitt aus dem Kunstwerk „Secretion“ von Tony Cragg. Aufgenommen im Kunsthaus Zürich.

Aufmerksamkeit als Ressource

Für mich ein echtes Aha-Erlebnis: Dobelli nennt Aufmerksamkeit eine Ressource.

„Information ist nicht mehr länger eine knappe Ressource – Aufmerksamkeit hingegen schon. Warum gehen Sie so unverantwortlich mit ihr um? Mit Ihrer Gesundheit, Ihrem Ruf oder Ihrem Geld sind Sie auch nicht so verschwenderisch.“

Letztlich läuft es auf die Frage hinaus, wofür ich meine (begrenzte) Energie einsetze, die mir tagtäglich zur Verfügung steht. Für etwas, was sich für mein Leben als irrelevant und ungesund heraus stellt?

News als eine Ursache für die explosive Zunahme von Depressionen?

„Es mag eine forcierte Intention sein, aber es würde mich nicht erstaunen, wenn der Newskonsum seinen Teil zur Zivilisationskrankheit Depression beitrüge.“

News berichten grösstenteils über Dinge, die wir nicht beeinflussen können. Der ständige Konsum von News versetzt uns in die Opferrolle, aktiviert ein Gefühl von Hilflosigkeit. Was erlernte Hilflosigkeit und Depressionen miteinander zu tun haben, zeigt dieser kleine Clip (13 Minuten) eines Psychiaters in vereinfachter, aber sehr anschaulicher Form.

Und was bedeutet das jetzt für mich konkret?

Das waren einige wenige Aussagen aus dem Essay. Sie bestätigen etwas, was ich schon immer unterschwellig wahrgenommen, aber nie bewusst in Worte gepackt habe: Der Newskonsum stresst und kostet letztlich nur wertvolle Energie & Gehirnkapazität, die woanders besser investiert sind.

Dabei bin ich gar nicht so ein News-Junkie, ich lebe ohne TV, News-App oder Zeitung. Aber ich betreibe manchmal (oder auch häufiger) dieses ziellose Surfen, das angeblich meiner Entspannung dient. Ich lasse mich nach einer anstrengenden Arbeit im Netz treiben – vorzugsweise auf News-Sites. Ein zweifelhaftes Klick-Vergnügen zu Texten, Videos und Bildergalerien, allesamt ansprechend bunt, vielfach verlinkt und häppchenweise serviert. („Das Textverständnis nimmt ab, je mehr Hyperlinks ein Dokument hat“). Aber eigentlich weiss ich, dass ich dabei nicht entspanne, sondern mich mit nur mit unnützen Reizen überflute, einem Zeitfresser erliege und meinen Fokus verliere. Nun habe ich alle News-Sites aus meinen Lesemenü gelöscht.

Ist die Twitter-Manie eine Form des News-Junkie-Daseins?

Bleibt nur noch meine 140er Liebe, meine Timeline. Schon so manches Mal war ich von der Fülle & Schnelligkeit an Information, die ich über Twitter erhalte, schlichtweg überfordert. Wo anfangen zu lesen? Welchen Link anklicken? Welchen Tweet als Favoriten speichern? In welchen Dialog einsteigen? Wie lange über einen vermeidlich witzigen originellen Tweet brüten? Oder einfach alles in die Tastatur fliessen lassen, was mir gerade in den Sinn kommt? Welcher Gedanke, welche Information ist einen Tweet wert? (Aber Twitter ist noch einmal einen ganz eigenen Beitrag wert).

Den Relevanz-Test hat Twitter aber schon jetzt bestanden. Nützlichkeit hoch 3 – man muss sich seinen Nutzen eben nur zusammenklauben oder direkt in Form eines Tweets fragen.

6 Kommentare

  1. Ich habe das Essay gestern gelesen. Daraufhin habe ich noch am Abend meine abonnierten News-Feeds drastisch reduziert und die Anzahl der Leute, denen ich auf Twitter folge auf eine zweistelligen Zahl entflogt.
    Darüber hinaus halte ich es wie Du: kein TV und keine Tageszeitung.
    Ich möchte aber einwenden, dass ich ohne Twitter diesen Essay nie gelesen hätte. Twitter ist für mich eben vor allem eine Quelle von guten Tipps und Inspiration. Zum Thema Inspiration gibt es gerade wieder einen guten Blog Beitrag vom großen Meister aller Minimalisten: Leo Babauta.

    Gruß

    Frank

    • Hallo Frank

      Ja, mir geht es wie dir: Twitter ist eine wunderbare Quelle von nützlichen Informationen, Inspirationen und auch von „spontanlustigen“ Dialogen (Dank an @himbeerwerft für diese Wortkreation). Ich bin dir gleichgezogen und habe die Anzahl an Leuten, denen ich folge, deutlich verschlankt. Dran glauben mussten vor allem Accounts, die fast ausschliesslich nur so „kluge“ Zitate/Weisheiten zwitschern oder die meine Timeline mit ihren vielen Retweets zudonnern. Und ich habe die Twitter-App von meinem Smartphone gelöscht.

      Herzliche Grüsse, die Frau Momo

  2. Hallihallo Frau Momo,

    die Kritik von Nachrichten treibt sich gerade echt in der Blogosphäre umher. Ich habe erst vor einer Woche Internet und Nachrichten mit zwei Plätzen auf meiner Liste der größten Lebensfallen prämiert.

    Besonders den Relevanzgedanken finde ich auch wichtig, denn tatsächlich ist man recht selten betroffen und kann nur bedingt etwas daran ändern. Aber wir regen uns halt auch echt gern auf. 😉

    Herzlicher Gruß,
    Philipp

    • Hallo Philipp

      Auch der Artikel von Rolf Dobelli zieht gerade seine Kreise in Twitter- und Bloggerkreisen … und so bin ich ja auch auf ihn aufmerksam geworden. Diese beiden Sphären, die sich punktuell stark überlappen, bestehen – wenn man sie entsprechend nutzt – den Relevanz-Test allemal.

      In deinem Post schreibst du: „Um sich ein Bild von der Welt zu machen, sollte man sie mit dem ganzen Körper erleben!“.

      Diesen Satz mag ich sehr. Ich empfinde ihn als vielschichtig: Da ist Aktivität und Lebendigkeit, sich mit dem auseinander zu setzen, was vor der eigenen Haustür passiert (während der Newskonsum passiv ist). Da ist Selbstwirksamkeit, denn meistens kann ich bei dem, was vor meiner Haustür passiert, auch viel besser eingreifen oder das Geschehen beeinflussen, gestalten. Und da ist die Leiblichkeit von Erfahrungen. Denn jede Erfahrung, die wir machen, ist immer auch eine körperliche Erfahrung … es ist die Frage, welcher Art diese Körperlichkeit ist. Die Erfahrung Newskonsum ist oft (ich wiederhole mich) eine passive, die im Zweifelsfalle nur „Ohnmachtsneuronen“ aktiviert.

      Und zu deinem Smartphone-Artikel könnte ich auch noch viel schreiben, vielleicht mache ich das auch …

      Herzlicher Gruss,

      die Frau Momo

  3. Ich kann absolut nachvollziehen was du meinst! Ich muss gestehen, dass ich oftmals vieles „für andere so wichtige“ an News nicht mitbekomme, mir gehts ohne all das aber besser. Ich muss es mir nicht antun, täglich in der Zeitung oder im TV von neuen Todesopfern, Terroranschlägen oder nicht gewonnen Fußballspielen zu lesen und zu hören. Was wirklich wichtig und für mich relevant ist, bekomme ich auch so mit, alles andere deprimiert doch eh nur…

    LG

    • Mir geht es ohne auch besser … und wie du sagst: Was wirklich relevant und wichtig ist, bekommt man auch so mit, meistens sogar in besserer Qualität.

      Herzlich, die Frau Momo

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