frau momos minimalismus

Über Reue, Risiko und den Umgang mit Entrümplungs-Entscheidungen

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Entrümpeln Reue Entscheidungen Minimalismus

„Was, wenn ich das Entrümpeln irgendwann bereue? Ich denke immer, dieses oder jenes Ding könnte ich irgendwann doch noch mal gebrauchen oder vermissen.“

Solchen Aussagen begegne ich häufiger im Zusammenhang mit dem Thema Minimalismus. Ich nicke dann und sage: „Ja, ja, das kann vorkommen.“ Denn Ausmisten bedeutet, ein Risiko einzugehen.

Unsere Bewertung von Entscheidungen kann sich ändern

Es kann sein, dass du dich irgendwann darüber ärgern wirst, die Brotbackmaschine entrümpelt zu haben. Die letzten fünf Jahre fristete sie ihr Dasein zwar ungenutzt auf dem Dachboden, aber vielleicht stellst du in ein paar Monaten deine Ernährung um und selbstgebackenes Brot ist in deinem Leben wieder angesagt.

Es kann sein, dass du später bereust, die Liebesbriefe deines Partners weggeworfen zu haben. Jetzt lagern sie in einer hübschen Blechdose und du hast sie dir seit Jahren nicht mehr durchgelesen. Doch eventuell möchtest du später etwas nachlesen, die Beziehung aufarbeiten oder Erinnerungen auffrischen.

Wir verändern uns im Laufe des Lebens. Und mit uns verändert sich möglicherweise die Bewertung vergangener Entscheidungen. Ausmisten ist ein gutes Trainingslager, um mit diesen Unwägbarkeiten des Lebens umzugehen.

Risiken bewusst eingehen

Was sich heute wie ein Befreiungsschlag anfühlt, lässt uns morgen möglicherweise bedauern. Dann gilt es, mit der getroffenen Entscheidung umzugehen. Entrümpeln heißt, dieses Risiko bewusst einzugehen.

Folgende Fragen helfen dir bei der Risikoeinschätzung:

  • Ist es ein mögliches zukünftiges Bedauern wert, an dem Ding festzuhalten?
  • Was wäre das Schlimmste, was eintreten könnte, wenn du das Ding weggäbest?
  • Welche Optionen hättest du zur Verfügung, wenn das Schlimmste einträte?
  • Kämest du mit dem Schlimmsten und seinen Optionen zurecht?

Das Bedauern zulassen

Doch nun ist es geschehen. Die Fahrradtasche, die du vor einiger Zeit einem gemeinnützigen Verein gespendet hast, würde dir nun doch unvorhergesehenerweise wertvolle Dienste leisten. Du liest einen Poesiealbum-Spruch und sehnst dich plötzlich danach, wieder in deinem eigenen Album zu blättern. Doch das landete beim letzten Umzug in der Mülltonne. Was nun?

Der effektivste Umgang mit Emotionen ist die, sie wahrzunehmen und ihnen gestatten, da zu sein. Das hört sich simpel an. Doch oft leisten wir innerlich Widerstand gegen unangenehme Gefühle, vor allem, wenn sie unsere Werte oder unseren Lebensweg infrage zu stellen scheinen.

Es hat langfristig noch keinen Minimalisten (und keinen anderen Menschen) weiter gebracht, seine Gefühle zu verleugnen. Eine offene Diskussion darüber, dass man Entrümplungs-Entscheidungen auch bereuen kann, verleiht den Minimalismus Glaubwürdigkeit und wird der Komplexität menschlichen Handelns gerecht.

Einen effektiven Weg für den Umgang mit belastenden Gefühlen findest du in meinem Beitrag Emotionalen Ballast loslassen.

Wofür war oder ist es nützlich?

Hilfreich ist als weiterer Schritt, den Blickwinkel auf die Situation zu verändern. Das gelingt durch die Frage: Wofür war oder ist diese Situation nützlich?

Wofür war oder ist es nützlich, die Fahrradtasche wegzugeben zu haben? Mögliche Antworten sind: Dafür, dass ich seitdem den aufgeräumten Keller geniesse. Dafür, dass sie wahrscheinlich einen anderen Menschen eine Freude gemacht hat. Dafür, dass ich jetzt kreativ werde und eine andere Lösung für den Fahrrad-Transport meiner Sachen finde. Dafür, das ich jetzt in das Brockenhaus gehe und nach einer neuen Tasche stöbere.

Wofür war oder ist es nützlich, mein Poesiealbum weggeworfen zu haben? Dafür, dass es sich überwiegend deutlich befreit anfühlt, die ganzen alten Schulsachen entrümpelt zu haben. Dafür, dass ich an einem neuen Ort neu und unbelastet gestartet bin. Dafür, dass ich jetzt das Loslassen von Gefühlen lerne.

Ein Beispiel aus meinem Leben

Im Rahmen meiner Keller-Entrümpelung entsorgte ich sechs Balkonkästen. Just diesen März verspüre ich nun das erste Mal seit Jahren den Wunsch, meinen Balkon in ein blühendes Paradies zu verwandeln. Ich denke an meine nicht mehr vorhandenen Balkonkästen und denke: „Mist! Hättste die mal nicht entrümpelt!“ Ärger steigt in mir hoch.

Dann schaue ich genauer hin: Was war daran nützlich?

  • Ich habe die Balkonkästen damals verkauft. Das Ausmisten spülte Geld in meine Kasse.
  • Mit der Nachbarin, die die Kästen kaufte, führte ich bei der Übergabe ein langes, interessantes Gespräch.
  • Die Balkonkästen lagerten in meinem Keller. Und dass dieser leer war, hat sich im letzten Jahr ausgezahlt. Denn ich habe damit hinreichend Platz, um den Nachlass meiner Mutter zu lagern.

So „vergeblich“ war die ganze Aktion also nicht. Klar – nach wie vor habe ich keine Balkonkästen. Zugleich ist es wichtig für mich zu erkennen, das diese Entscheidung wertvolle Erfahrungen und Möglichkeiten schuf. Und was meinen Wunsch nach blühenden Landschaften auf meinem Balkon angeht, so warte ich erst einmal ab, ob dieser häufiger auftaucht oder ein einmaliger Impuls war.

Wie ist das bei dir? Hast du es schon einmal bereut, etwas ausgemistet zu haben? Wie bist du damit umgegangen?

15 Kommentare

  1. Glücklicherweise habe ich noch nichts so schlimm bereut, daß ich mich jetzt noch daran erinnern könnte.
    Bedauert habe ich manchmal etwas nur kurz, und dann schnell losgelassen 🙂

    Liebe Grüße,
    Sandra

    • Liebe Sandra

      Interessant zu lesen, dass ab und an ein kurzes Bedauern da war. Und schön zu lesen, dass du es loslassen konntest.

      Liebe Grüße,

      Barbara

  2. Hallo Barbara!

    Ich habe vor kurzem einen sehr interessanten Ansatz gelesen. Jemand hat alle Bücher weg gegeben und ein bisschen Geld dafür bekommen. Das parkt jetzt irgendwo um sich – falls er es doch bei dem einen oder anderen Buch bereut – genau dieses Buch wieder zu kaufen.

    Finde ich eine sehr interessante Lösung, die gerade bei wiederbeschaffbaren Dingen sehr viel Sicherheit gibt.

    lg
    Maria

    • Hallo Maria

      Vielen Dank für das Teilen dieses Ansatzes! Finde ich auch interessant! Und gut anwendbar bei eher „unpersönlichen“ Dingen, die man sich leicht wiederbeschaffen kann, wie beispielsweise Bücher, technisches Zeug, Gebrauchsgegenstände. So eine kleine In-petto-Kasse unterstützt da das Bedürfnis nach Sicherheit effektiv.

      Lieber Gruß

      Barbara

  3. Ein sehr interessanter Beitrag mit guten Fragestellungen. Das mit dem Riskio eingehen fand ich auch interessant. Hab ich so noch nie gesehen.

    Ich hab mal (kurz) den Verlust meiner Tagebücher betrauert. Nachdem ich von zu Hause ausgezogen war warf ich alle alten Tagebücher (6 Stück!) weg. Das fühlte sich damals wahnsinnig befreiend an. Ein paar Jahre später hätte ich zwischendurch ganz gern drin geblättert. Heute denke ich mir wieder, dass es eine gute Entscheidung war sie wegzuwerfen und den emotionalen Ballast loszulassen der mich niedergedrückt hat.

    Liebe Grüße, Daniela

    • Liebe Daniela

      Hui, Tagebücher wegzuwerfen ist in meinen Augen eine beachtliche Entscheidung. Und danke für dein Teilen, dass du das Wegwerfen auch einmal bedauert hast. Vielleicht gehört zum Entrümpeln von persönlichen Erinnerungsstücken immer beides: Das Gefühlt, wie befreit zu sein sowie ab und an die Sehnsucht, doch noch einmal in alten Tagebüchern zu blättern, vergilbte Fotos zu betrachten oder die Briefe der ersten, große Liebe zu lesen.

      Liebe Grüße,

      Barbara

  4. Hallo Momo,

    ich male mir auch immer die schlimmstmögliche Situation aus, wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich etwas noch mal brauche. Und am Ende brauche ich es nie wieder – zumindest bisher. 😀

    Lieber Gruß,
    Philipp

    • Hallo Philipp,

      gute Methode, gell? Schön, dass du mit ihr bisher nur gute Erfahrungen gemacht hast.

      Lieber Gruß

      Barbara / Frau Momo

  5. Na, es kommt halt drauf an, was es ist. Ein Poesiealbum hatte ich nie, aber so etwas kann schon zur Reue führen, wenn man das wegwirft.

    So Dinge wie Balkonkästen? Da hilft doch ein ganz einfacher Gedanke: Ich kaufe mir neue, schönere die viel besser zu meinem jetzigen Leben und meinem jetzigen Balkon passen. Die meisten von uns haben für solche Dinge ja das nötige Geld. Ich denke, das funktioniert für sehr viele materielle Dinge.

    Schwierig wird es erst, wenn ideeller Wert hinzukommt. So geht es mir zum Beispiel mit Musikinstrumenten, da verkaufe ich gerade ein paar und das ist schon ein seltsames Gefühl. Schließlich hat man was zusammen erlebt. Und da kommen dann auch so Gedanken, dass man einen bestimmten Sound verkauft, den man womöglich sogar mal auf einer Platte gespielt hat und dann ist er nicht mehr da, irgendwann später. Naja, dafür sind neue Sounds da. Es wandelt sich eben.

    • Neue Balkonkästen kaufen?! Das schreibst du so locker dahin in deinem jugendlichen Leichtsinn …. 😉

      Nein, als Minimalistin habe ich ein höchst kritisches Auge auf Kauf-Konsum jeglicher Art, vor allem, wenn es sich um eine Neu-Anschaffung handelt. Ich habe im November letzten Jahres meine Checkliste für Neuanschaffungen veröffentlicht:

      Frau Momos vier Bewusstseins-Fragen bei Anschaffungen

      Alle geplanten Anschaffungen landen bei mir zunächst auf einer vorausschauenden Investitionsliste (voll der sperrige Begriff – ich weiß). Aber das Vorausschauen ist total wichtig, denn es gibt Zeit und damit einen erheblich größeren Kreativitäts- und Handlungsspielraum.

      Als ärgerlich empfinde ich es dagegen, wenn ein Ding, das im Alltag eine wichtige Funktion erfüllt, unvorhergesehen den Geist aufgibt und ad hoc beschafft werden muss. Dann ist die Verlockung groß, aus Zeitdruck heraus Zugeständnisse an Preis, Qualität oder Nachhaltigkeitsaspekte zu machen.

      Wandert also etwas auf meine vorausschauende Investitionsliste, dann stelle ich mir die folgenden Fragen:

      1 Brauchen: Brauche ich es wirklich? Vermisse ich es in meinem Alltag bzw. würde ich es in meinem Alltag vermissen, wenn es nicht da wäre? Was würde sich wie verändern, wenn es nicht in meinem Alltag wäre?

      2 Bedürfnis: Welches Bedürfnis will ich mir damit erfüllen? Wie wichtig ist dieses Bedürfnis für mich und mein Wohlergehen? Gibt es auch andere Wege oder Strategien, um dieses Bedürfnis zu erfüllen?

      3 Beschaffung I: Kann und will ich es beschaffen, ohne einen Neukauf zu tätigen? Kann ich es reparieren (lassen), gebraucht kaufen, tauschen, leihen, upcyclen oder selbst herstellen?

      4 Beschaffung II: Wenn Neukauf – wie kann ich mir die Sache unter qualitativen, ökologischen und ökonomischen Gesichtspunkten leisten? Welche Kriterien sind mir wichtig? Was für Informationen brauche ich zu Herstellung, Inhaltsstoffen, Pflege & Wartung, Zusatzkosten, möglichen Sonderangeboten, etc.?

      Die Balkonkästen sind gerade noch bei Frage 1 bzw. 2.

      Herzlich,

      die Frau Momo

      • Mh ja all diese Gedanken kenne ich und natürlich gibt es bei mir auch ähnliche Kriterien. Vieles schaffe ich gebraucht an, mittlerweile auch Kleidung. Aber ich möchte das für mich nicht so streng sehen, nicht so streng mit mir sein. Das ist mir zu anstrengend. Wenn es größere Anschaffungen sind, dann lasse ich meinem Kopf Zeit, sich dazu zu sortieren. Dann fällt mir meistens eine gute Lösung ein, nach einiger Zeit. Gut vor allem auch im Sinne von: Brauchbar, zweckdienlich, stimmig für mich. Aber bei Balkonkästen möchte ich für mich jetzt echt keine Philosophie draus machen.

        • Was du schreibst, kann ich nachempfinden. Ich habe auch einen Bereich, in dem es eher um Begehren und Lust geht (auch bei Neuanschaffungen), als nach streng minimalistischen Kriterien. Dazu gehören definitiv Bücher, da macht die Minimalistin in mir mal ganz entspannt Feierabend. Für mich ist Minimalismus auch ein konsumkritischer Weg, keiner der Konsumverweigerung. Balkonkästen habe ich immer noch keine, dafür tauchte ein Stapel Blumentöpfe bei mir auf und so ergeben sich die Dinge & die guten Lösungen manchmal von selbst.

  6. Toc7 schrieb
    „So Dinge wie Balkonkästen? Da hilft doch ein ganz einfacher Gedanke: Ich kaufe mir neue, schönere die viel besser zu meinem jetzigen Leben und meinem jetzigen Balkon passen. Die meisten von uns haben für solche Dinge ja das nötige Geld. Ich denke, das funktioniert für sehr viele materielle Dinge.“
    Dazu fällt mir nur der Titel das Filmes „Wirf weg, kauf neu“ ein. Es liegt doch (meist) nicht an den Finazen, es sind die Ressourcen, die dabei verschwendet werden.

  7. Ich habe alle Babysachen aussortiert und gespendet und dann forderte meine Schwester einzelne Teile als wichtigste Erinnerungstücke zurück.
    Erst als sie dies tat, wurde mir klar, dass sie von einer Leihgabe ausgegangen war. Das war aber nicht ausgesprochen worden. So schade.
    Mir persönlich hilft der Gedanke, dass jemand anders die Sachen noch nutzt. Das finde ich sehr viel lebendiger und tröstlicher als wenn es in einer Kiste liegt. Meine Schwester sieht es anders.

  8. Bisher habe auch noch nicht bereit etwas weggeworfen oder weggeben zu haben- ja da war mal sie coole diy Idee, die ich ausprobieren wollte und nicht konnte- weil mein Material dafür weg war- es hat mich aber nicht umgebracht oder massiv bereuen lassen. Einiges wurde nach und nach ersetzt- nachdem mein Glätteisen und lockenstab ein halbes Jahr weg sind (mit dem einen konnte ich nicht umgehen- und das andere hab ich nie gebaucht) hat mir der Mann einen neuen Babyliss locken-Macher geschenkt- den ich seither nutze und glücklich mit meinen locken bin.

    Andererseits habe ich aber auch Stücke, die später besonders für mich sein könnten nicht entsorgt. Ich habe knapp 29 alte geburtstagskarten entsorgt, weil da nur „alles gute wünschen….“ drauf stand- 3 Stück aber habe ich behalten, weil da etwas besonderes drauf stand- eine Widmung zum 18. von meiner Oma. Die Kiste in der so Kleinode ruhen tut mir nicht weh- sie vermüllt meine Wohnung nicht- ich kann meine besonders wichtigen Sachen darin aufbewahren.

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