frau momos minimalismus

Spontan-Alterung

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Ausschnitt aus einem Kunstwerk von Joan Miro: Grand Personnage. Aufgenommen im Kunsthaus Zürich.

Ausschnitt aus einem Kunstwerk von Joan Miro: Grand Personnage. Aufgenommen im Kunsthaus Zürich.

Ich bin Jahrgang ’70. Also 44 Jahre alt. Und 44, das ist ja heutzutage das neue 28. Noch überhaupt kein Alter. Und eigentlich beginnt der Spass doch jetzt erst richtig, nachdem ein gewisser Überdruss hinsichtlich verschiedener Rollen in Familie, Beruf und Gesellschaft konstruktiv und authentisch überwunden werden konnte. Mit Lesebrille auf dem Kopf und möglichst viel Gelassenheit im Herzen.

Doch gestern Abend, da fühlte ich mich wie 80+. Von so „neumodischen“ Dingen eingeschüchtert und fremd in einer für anderen Menschen selbstverständlichen Welt. Dabei wollte ich doch eigentlich nur Spaghetti essen.

Chipkarte statt Gemütlichkeit

Ich bin also den ganzen Tag in Zürich unterwegs gewesen. Mittlerweile ist es 19.00 Uhr , mein Magen knurrt. Und ich weiss genau was ich will: Pasta! Spaghetti! Mit Tomatensauce! Ich bin in Zürich-City, sollte doch kein Problem sein, einen netten, unkomplizierten Italiener zu finden. Und genau … da ist auch schon das Restaurant V. Das hat mir ein Arzt einmal wärmstens empfohlen, als ich noch am Spital gearbeitet habe.

Ich betrete das V. und eine unglaubliche Geräuschkulisse bricht über mich hinein. So laut! Ich stehe mit triefender Nase (wegen den kalten Temperaturen draussen) noch orientierungslos im Eingangsbereich, da drückt mir eine Frau eine Chipkarte in die Hand. Eine Chipkarte?! Ich bemerke nun auch die grosse Theke, an die sich alle Gäste, die hineinkommen, anstellen. Wie bei Mc Donalds. Sorry, aber was ist das denn? Und von außen sah der Laden wie ein normales, nettes Restaurant aus. Ich nehme mir keine Zeit, das Geheimnis der Chipkarte zu ergründen, es ist mir schlichtweg zu laut und zu ungemütlich. Ich drücke der Frau die Chipkarte wieder in der Hand und flüchte zurück in die Kälte.

Ich habe Hunger! Ich gehe weiter und komme an ein kleines Eck-Restaurant. Ich sehe nur „Pasta“ auf dem Schild über den Fenstern glänzen und denke: Ja, das ist meins!

Gastronomisches Paralleluniversum

Ich suche mir einen Platz gleich im Eingangsbereich und am Fester, denn ich will beim Essen nach draußen sehen können. Die Speisekarte liegt praktischerweise schon auf dem Tisch, sie ist erfrischend einfach gehalten, so mag ich das, „Konzentration auf Kernkompetenz“ und so weiter. Ich entdecke die Wörter Tomatensauce und Primitivo und die Sache ist geritzt.

Etwas später, nachdem ich meine E-Mails gecheckt, meine Notizen gemacht und mein Gemüt etwas aufgeräumt habe, merke ich, dass niemand vorbei kommt, um die Bestellung aufzunehmen. Ich schaue mich suchend im Restaurant um. Der junge Typ am Tisch rechts neben mir schaut mich ausdruckslos an. Er wendet sich wieder seinem Handy zu. Ich blicke mich weiter um und dann bemerke ich die Theke. Schon wieder eine Theke! Ich beobachte, wie ein Mann herein kommt, an der Theke etwas bestellt, ein Körbchen mit einem Brötchen in Empfang nimmt und sich dann einen Tisch sucht.

So geht das! Das ist anscheinend jetzt wohl „in“! Ich frage mich, in welchem Gastro-Paralelluniversum ich die letzten Jahre gelebt habe. Diese Entwicklung ist ja völlig an mir vorbei gegangen. Ich stehe auf und gehe zur Theke. Der junge Mann rechts neben mir grinst mich süffisant an. „Arschloch!“ denke ich.

Leider ist zwischenzeitlich eine grosse Gruppe von Gästen herein gekommen, die alle vor mir an der Theke bedient werden. Bis alle bestellt haben und auch die Weinfrage geklärt ist (die man erstaunlicherweise auch am Tresen klärt) ist meine Laune so ziemlich auf dem Nullpunkt. Ich überlege, ob ich gehe. Aber der Hunger bohrt und ich will nicht wieder in die Kälte.

Endlich. Ich bestelle meine Spaghetti.

Zu früh gefreut

Der junge Typ hinter dem Tresen schüttelt den Kopf. Überall nur jungen Typen! Und wieso schüttelt der den Kopf?

Der junge Typ hinter dem Tresen ist unwillig Hochdeutsch zu sprechen. Das verstehe ich ja auch. Wirklich. Aber ich bin in meinem hungrigen Zustand und mit Phil Collins‘ „Easy Loser“ in den Ohren, das aus den Boxen dröhnt, nicht mehr fähig, seinen Schweizer Dialekt auf Anhieb zu verstehen. Es beginnt ein mühsamer Dialog, der wahrscheinlich nicht sonderlich zur Verbesserung der Deutsch-Schweizerischen Freundschaft beiträgt. Irgendwann begreife ich: Sie haben nur Pasta (keine Spaghetti) und Primitivo nur in ganzen Flaschen. Das würde doch auch alles auf der Karte stehen, die über der Theke hängt. Er schaut mich verständnislos-kopfschüttelnd-echauffiert an.

Ich bestelle Pasta, nehme mein Körbchen mit dem Brötchen in Empfang und gehe zu meinem Tisch zurück. Hmpf. Ich fühle mich vorgeführt, bin wütend  und in Kampfstimmung. Zumindest kommt die Pasta recht zügig. Und sie wird mir an den Tisch gebracht. Was ich ja plötzlich gar nicht mehr für so selbstverständlich halte.

Aber ich bin noch nicht erlöst: Kein Salz, kein Pfeffer auf dem Tisch. Ich will mir vom Nachbartisch etwas mopsen – doch Fehlanzeige! Kein Salz, kein Pfeffer weit und breit. Habe ich was verpasst? Hätte ich die Gewürze an der Theke ordern sollen? Soll ich dort fragen? Oh Gott, noch einmal so ein mühsamer Dialog an der Theke? Das schaff‘ ich nicht.

Eingeschüchtert knabbere ich an meinen Nicht-Spaghetti und beobachte die Entwicklungen an der Front. Den Typen rechts neben mir ignoriere ich geflissentlich, der soll bloss nicht denken, ich bin eine 44-jährige, die sich nicht zurecht findet.

Mein Nachbar zur linken Seite (ja, genau, sehr jung) bekommt seine Pasta. Kaum hat er den Teller vor sich stehen, steht er mitsamt dem Teller auf und geht an einen kleinen Tisch, den ich dann jetzt auch entdecke. Dort stehen Salz & Pfeffer, Öl, Parmesan, … das ganze Gewürzglück dieser Erde. Ja, Himmel, woher soll ich das wissen? Oder bin ich tatsächlich so eine orientierungslose Blindschleiche? Ich stehe auf, gehe zu dem Tisch und hau‘ mir eine extra grosse Portion Parmesan über meine Nicht-Spaghetti. Als ausgleichende Gerechtigkeit.

Das nächste Mal mit Gebrauchsanweisung

Ich sitze an meinem Tisch, spiesse meine Pasta auf und fühle mich alt.

Und das nächste Mal gehe ich in ein Restaurant ohne Theke, mit Spaghetti auf der Speisekarte und mit Obern, die mindestens 50 Jahre alt sind und die einem erklären, wie die Welt funktioniert. So!

16 Kommentare

  1. Ein köstlicher Artikel, der sich mit unseren Beobachtungen deckt. Die Gastronomieszene ist in großer Veränderung begriffen. Schön finde ich das nicht und es wird immer schwieriger, etwas zu finden, was den eigenen Bedürfnissen entgegen kommt. Dennoch habe ich bei deinem Erlebnis sehr geschmunzelt.

  2. Ein herrlicher Bericht, wenn auch die Gefühle beim Erleben so gar nicht herrlich waren. 😛

    Ich finde das V. auch ganz furchtbar! Davon gibt es auch einige in Hamburg. Und dieses Tresenbedienungsgedöns kann man mögen, muss man aber nicht.

    Bei sowas fühle ich mich wie ein Kassenpatient, der sich am besten noch selber das Blut abzapft.

    Herzliche Grüße
    Sabine

  3. Herzlichen Dank für eure Kommentare!

    Das V. gibt es auch in Hamburg?! (Ich bin ja gebürtige Hamburgerin). Das veranlasste mich, mal ein wenig zu recherchieren … tatsächlich, das V. ist in 28 Ländern mit 140 Restaurants vertreten … und drei davon sind in Hamburg. Dabei wurde das Unternehmen erst 2011 gegründet. Das nenn‘ ich Wachstum!

    Ich kenne schon noch andere „Fast Casual“-Restaurants in Zürich oder Winterthur (vermeintlich „gesündere“ Fast Food-Restaurants), mir war nur nicht klar, dass dieses Prinzip sich nach und nach anscheinend durchsetzt und dass es Restaurants mit Chipkarten gibt.

    Nervig finde ich eigentlich bei allen diesen Restaurants dieses Hauptbahnhof-Ambiente. Mein Fazit: Entweder sich ein „richtiges“ Restaurant gönnen oder schön Zuhause etwas zaubern. Und immer ein paar Nüsse gegen den Hunger in der Tasche haben!

    Herzlich, die Frau Momo

  4. Herrlich! Habe mich gekugelt beim lesen

  5. Du lieber Himmel, aber im gesättigten Zustand ja echt zum Kugeln. Hat Loriot-Qualitäten. Ich bin dann jetzt vorgewarnt. Sollte mir hier im Ruhrgebiet so etwas Schräges begegnen, werde ich rasend schnell das altmodischste Restaurant aufsuchen. Oder immer schön ein Bütterken (Stulle, Knifte) einpacken.

    • Knifte, den Ausdruck kannte ich noch gar nicht! Wie bildend mit dir!

      Ja, da bin ich leider etwas nachlässig … eigentlich will ich ja immer Nüsse und etwas Wasser in meiner Tasche haben, damit der Hunger mich nicht zu solchen Eskapaden treibt.

      Herzlich, die Frau Momo

  6. Ach Momo, ich glaube, das ist jetzt mein neuer Lieblingspost von dir. Ganz wunderbar! Ganz, ganz wunderbar.

    Musste ebenso wie die anderen Leser schmunzeln. Da ist ein richtiger Film in meinem Kopfkino gelaufen. Ein Film mit Frau und Kulissen und Bewegungen. So gut ist dein Text.

    Ich mag’s übrigens auch nicht. Dieser neumodische Gastronomie-Kram. Keine Ahnung, wie der Fachbegriff ist, interessiert mich auch nicht, obwohl ich selbst ein Kind der Gastronomie bin.

    Aber so isses halt. Dahinter steckt ja eine richtige Idee. Hat auch mit Kosten zu tun. Und Entertainment: Make love, make fun, hol dir dein Essen selbst (naja, wenn es Spass macht), bin da auch eher „klassisch“ geprägt. Mit Systemgastronomie kann ich prinzipiell nichts anfangen. Und je älter ich werde, umso weniger Schnickschnack brauche ich um das Essen herum! So ist das.

    Wobei ich da jetzt nicht so in Wallung komme, denn auch das ist Diversity. Und so sind wir wieder am Anfang, Diversity ist schön, aber halt auch anstrengend.

    • Danke, Marco, für deine Zeilen. Schön zu lesen, dass Bilder im Kopf entstanden sind. Das geht runter wie Öl ….

      ;o)

      Ich mag es kulinarisch und gastronomisch auch lieber unkompliziert und klassisch.

      Ich stehe da neulich in so einem Marché-Autobahnrestaurant (Mövenpickgruppe). Das Angebot an Speisen ist zwar stylisch präsentiert, aber komplett unübersichtlich überbordend. Hilflose Touristen laufen, ihr Tablett krampfhaft in den Händen haltend, orientierungslos und suchend an den Theken entlang. Der Laden hallt vor Kindergebrüll. Selbst die WCs waren einer Grotte nachempfunden … glaube mir, weniger wäre echt mehr gewesen.

      Also: Autobahnraststätte „Heidiland“ an der A13 zwischen Chur und Zürich nur zu Forschungszwecken und für nicht verschiebbare, dringenden Geschäfte aufsuchen. Eine erholsame Pause vom Autofahren einzulegen – das geht anders! Denn, du schreibst es: Diversity ist anstrengend.

      Und deshalb wundert mich auch der Siegeszug der System-Gastronmie. Es ist zu viel, zu laut, zu ungemütlich. Geht das denn nur mir so? Dann doch lieber, wie Gabi schreibt, die selbstgeschmierte Stulle auspacken. Und Foodporn-Bilder auf Twitter anschauen. Gell?

      Herzlich, die Frau Momo

  7. Hallo Frau Momo!

    Ich kann dich beruhigen, denn das Gefühl der Spontanalterung kenne ich mit meinen 23 Jahren auch schon, wenn ich zum Beispiel von meiner Cousine den neusten Schrei erklärt bekomme. Meistens lässt mich das aber eher kalt. Man muss ja nicht alles mitmachen. 🙂

    Lieber Gruß,
    Philipp

    • Ja, das stimmt, Philipp, man muss nicht nicht alles mitmachen. Wäre nur schön gewesen, das vorher zu wissen, hinterher ist man immer klüger.

      Lieber Gruss, die Frau Momo

  8. Hallo Frau Momo!

    Super Artikel muss ich sagen. Nachdem ich die Überschrift „Chipkarte statt Gemütlichkeit“ gelesen habe, war mir auch direkt klar wo du gewesen bist 🙂
    Auch ich finde diese Art der Gastronomie merkwürdig. Warum das so ein „Hipe“ sein soll kann ich wirklich nicht nachvollziehen.
    Aber es gibt auch durchaus gemütliche und gute Restaurants in Zürich. Stehe dir da sehr gern mit Rat und Tat zur Seite!
    Super Blog übrigens. Sehr schön zu lesen!

    Viele Grüsse
    Christian

    • Hallo Christian

      Vielen Dank für deine Zeilen! Das Schreiben macht mir total Freude und ich gebe mir Mühe, dass meine Inhalte flott rüber kommen, also gut & flüssig lesbar sind. Wenn das als Feedback von Lesern dann auch zurück kommt, freut mich das enorm! 🙂

      Ja, das V. und dieser Trend der Systemgastronomie … dazu gab es jetzt schon so einige Rückmeldungen (auch offline). Ich habe den Eindruck, die klassische Gastronomie braucht sich von der Systemgastronomie nicht wirklich bedroht zu fühlen. Es scheinen viele Menschen noch auf gemütliche Individualgastronomie zu stehen.

      Nach wie vor bin ich für einen Tipp in Sachen „unkomplizierter Italiener in Zürich City“ dankbar. Ich esse nicht wirklich oft auswärts, aber für den nächsten Fall der Fälle hätte ich gerne eine Adresse parat. Hast du da eine Idee?

      Herzlich, die Frau Momo

  9. Oh,mein Gott!
    Ich war neulich mit meiner fünfzehnjährigen Tochter in Bremen.
    Wir wollten einen Kaffee trinken gehen und da ich weiß wie unbedingt sie mal Starbucks ausprobieren wollte, habe ich ihr den Gefallen getan.
    Das sah dann ähnlich aus wie deine Schilderung, nur daß man auf seinen Kaffeebecher dann noch seinen Vornamen geschrieben bekam.Nach dem Bezahlen an der Theke wurden wir dann auch ganz „persönlich“ mit Namen angesprochen.Das Ganze war so aufdringlich, unecht und geheuchelt.Mir taten vor allen Dingen die Menschen leid, die dort arbeiten und so eine Show abziehen mussten.
    Für die Toilette bekam man dann auch einen Nummerncode auf seiner Quittung. Gott sei Dank war ich nicht die Einzige dort,die das befremdlich fand.
    Meine Tochter jedoch fand´s echt angesagt…

    • Ja, mit den Vornamen entsteht eine „falsche Vertraulichkeit“.

      Wobei ich auch glaube, dass Starbucks angefangen hat, den Vornamen auf den Becher zu schreiben, weil sich Bezeichnungen wie „Triple Grande Latte non fat to go“ einfach niemand merken kann und es immer wieder zu Unklarheiten gekommen ist, wessen Getränk denn nun fertig produziert ist.

  10. Da passt dieses Video herrlich dazu: Herbert Knebel bei Starbucks:

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