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Gelesen: „Die Stärken der Stillen“ von Jennifer Kahnweiler

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Introversion Stille Stärke

„Hören Sie auf, sich wie ein Extrovertierter verhalten zu wollen!“

Die Autorin Jennifer Kahnweiler ermutigt dazu, die den introvertierten Charakterzügen innewohnenden Stärken zu nutzen anstatt mit Extrovertierten mithalten zu wollen.

Das Buch kommt schlank daher (ca. einen Finger dick) und beim ersten Durchblättern fällt mir auf, dass es recht textlastig ist. Dann eine Überraschung: Jennifer Kahnweiler ist eine bekennende Extrovertierte, die sich lange und ausgiebig mit introvertierten Menschen in der Arbeitswelt beschäftigt hat. Ich bin gespannt.

Einleitend führt sie „die Hindernisse auf dem Weg zu stillem Einfluss“ in der heutigen Arbeitswelt auf:

  1. Konzentration auf Teams (Arbeiten im Teams verbraucht viel Interaktionsenergie, „erschöpft durch zu viele Menschen“)
  2. Die Notwendigkeit, über Leistungen und Ideen zu sprechen (die Schwierigkeit, sich aktiv zu verkaufen)
  3. Der Druck, sich extrovertiert zu benehmen (der Druck, sich lebhaft, mitteilsam, gesellig, gesprächig zu geben)
  4. Der Druck, schnelle Entscheidungen treffen zu müssen (eine schnelle Reaktion wird oft höher bewertet als eine wohldurchdachte)
  5. Mangelnde Privatsphäre (der Druck, alles sofort „teilen“ und in Verbindung sein zu müssen)
  6. Der Frust, nicht ausreden zu können (der Frust, dass man beim Reden oft unterbrochen wird und kleine Redepausen von Extrovertierten genutzt werden, um das Wort zu übernehmen)

Es folgen die Eigenschaften, die Introvertierte prägen (gern allein sein – erst zu denken, dann zu sprechen – Emotionen eher für sich behalten – Tiefgründigkeit – schreiben satt reden – Zurückhaltung – Privates bleibt privat).

Dann beginnt der Hauptteil des Buches: Die Frage, wie Introvertierte Einfluss nehmen können. Jennifer Kahnweiler spricht von stillen Überzeugern und führt Vorbilder wie Tim Cook (CEO von Apple), Eleanor Roosevelt, Warren Buffet, Steven Spielberg und Mark Zuckerberg an.

Der Prozess des stillen Überzeugens besteht nach der Autorin aus dem Zusammenführen von sechs Stärken:

  1. Stille Auszeit nehmen
  2. Vorbereitung
  3. Engagiertes Zuhören
  4. Fokussierte Gespräche
  5. Schreiben
  6. Überlegtes Nutzen von sozialen Medien

Wow, denke ich. Eine Liste von Dingen, von denen ich ohne mit der Wimper zu zucken weiß, dass ich sie gut kann und ich sie mir vollends zutraue. 

Die ersten beiden Stärken, die stille Auszeit und die Vorbereitung, bilden die Basis und sind für die folgenden vier Stärken (engagiertes Zuhören, fokussierte Gespräche, Schreiben und überlegtes Nutzen von sozialen Medien) Voraussetzung.

Jeder Stärke wird ein eigenes Kapitel gewidmet. Ausführlich legt Jennifer Kahnweiler dar, was die jeweilige Stärke mit Einflussnahme zu tun hat und wie diese gezielt trainiert und genutzt werden kann. Zudem untersucht sie auch, wie ein übermässiger Gebrauch der Stärke diese ins Gegenteil verkehrt. Sie unterlegt ihre alle ihre Ausführungen mit Beispielen aus der Praxis.

Das Buch ist strukturiert. Mit dem Lesen habe ich dennoch etwas Mühe, weil ich den Text zum Teil als redundant empfand. Ich hätte mir mehr sprachliche Prägnanz gewünscht.

Mein Fazit: Inhaltlich eine Bestärkung für Introvertierte, ihre Stärken als Stärken wahrzunehmen und sich auf sie zu besinnen – anstatt ewig an Schwächen herumzudoktern. Es liefert für jede Stärke wertvolle Impulse, sie gezielt zu trainieren und einzusetzen. Sprachlich wäre für mich etwas weniger mehr gewesen – das heisst: Es hätte dem Buch gut getan, die Dinge genauer auf den Punkt zu bringen. Bei Amazon gäbe es vier Sternchen. 

Und wer es noch genauer wissen möchte, der liest jetzt weiter, da ich mir Unterpunkte zu jeder Stärke notiere.

Stille Auszeit nehmen

Strukturen schaffen, um stille Auszeiten zu schützen. Auszeiten im Kalender reservieren – Früh aufstehen und den Tag alleine beginnen – Mittagspause allein verbringen – Pausen in den Tagesablauf einarbeiten – Arbeitsumgebung optimal wählen d.h. z.B. Grossraumbüros meiden.

Kommunikationsgeräte managen. Geräte ausschalten – Äussere Reize reduzieren – Geräusche unterbinden.

In sich gehen. Sich fit halten – Tagebuch führen – Atmen – Nickerchen halten.

Vorbereitung

Information und Erkenntnisse sammeln. Sich in die Materie vertiefen – Zusammenführen was man weiß – Vor jeder Besprechung eine „Due-Diligence-Prüfung machen.

Eine Strategie entwickeln. Interview mit sich selbst führen – Einen strategischen Plan entwickeln – Alternative Szenarien durchdenken.

Sich organisieren. Pausen machen – Positive Selbstgespräche führen – Um Hilfe bitten.

Üben. Seinen Text lernen – Seine Stimme finden – Kurze und lange Version des Vortrags/Präsentation vorbereiten.

Engagiertes Zuhören

Die richtigen Voraussetzungen schaffen. Es ruhig angehen lassen – Persönliche Treffen anstreben.

Auf den Gesprächspartner eingehen. Da sein – Paraphrasieren.

Fragen stellen. Fragen im Voraus vorbereiten – Ergebnisoffene Fragen stellen – Fragen stellen, die in eine andere Richtung zielen.

Über Worte hinausgehen. Nonverbalen Signale beachten – Präsent sein – Auf den Tonfall achten.

Fokussierte Gespräche

Zeit und Ort zum Reden organisieren. Das Besprechungsumfeld optimal wählen – Möglichst persönliche Gespräche führen – Bei Gebrauch von Kommunikationsmedien sich vorher mit der Technik vertraut machen.

Gesprächsführung optimieren. Warten, bevor man das Wort ergreift – Gezielt Wiederholungen einsetzen – AMPEL-Technik einsetzen: Anerkennen, dass der Gesprächspartner positive Absichten hat Mitteilen der eigenen Gedanken und Gefühle Präsentation des eigenen Vorschlags Erklären welcher Nutzen damit verbunden ist Lauschen was der Gesprächspartner zu sagen hat.

Authentisch und flexibel sein. Geschichten erzählen, die das Gespräch beleben – Auf den Gesprächspartner einstimmen – Die Augenbrauen beachten (Zusammenziehen: Es ist noch Überzeugungsarbeit zu leisten. Hochziehen: Glückwunsch, Interesse ist geweckt) – Informationen über sich selbst anbieten.

Schreiben

Das Publikum kennen und auf es eingehen. „Was bringt mir das“- Praktizieren (Lesernutzen) – Stil an Empfänger anpassen – Raum zum Nachdenken geben.

Die Kunst des Schreibens im Blick behalten. Tiefe vor Breite – Korrekte Orthographie – Klar und verständlich schreiben – Kreative Elemente einsetzen (Fragen, Aufzählungszeichen, Bilder, Videos, etc.).

Überzeugend Argumentieren. Einer logischen Gedankenkette folgen – Argumente untermauern – Sich kurz fassen.

Überlegtes Nutzen von sozialen Medien

Über Ziele nachdenken. Sich klar machen, was man erreichen will – Entscheiden, wo man anfangen will und nicht alles auf einmal machen.

Aktiv werden. Täglich Zeit reservieren für Online-Akivitäten – Durch authentischen Auftritt gute Voraussetzungen schaffen für Offline-Gespräche.

Auf Inhalte konzentrieren. Schreiben. Über das, was man weiß – Zuhören und Neuigkeiten aufmerksam wahrnehmen.

4 Kommentare

  1. Die Schule der Tiere:

    „Etliche Tiere gründeten eine Schule, um ihre Fähigkeiten zu verbessern. Zum Lehrplan gehörte Schwimmen, Laufen, Klettern und Fliegen. Die Ente, eine ausgezeichnete Schwimmerin, sah ihre Schwäche auf anderen Gebieten und belegte darum als Hauptfächer Kletter, Laufen und Fliegen. Der Hase bemühte sich so sehr ab, schwimmen zu lernen, dass er dabei fast sein schnelles Laufen verlernte. Das Eichhörnchen, das anfangs im Klettern eine „1“ hatte, bekam später nur noch eine „3“, weil seine Lehrer die ganze Zeit damit verbrachten, ihm das Fliegen beizubringen. Der Adler erhielt sogar einen Verweis. Er war einfach auf die Spitze eines hohen Baumes geflogen, obgleich seine Kletterlehrer sich doch die größte Mühe gegeben hatten.“

  2. Wow, vielen Dank für die tolle Zusammenfassung. Ich werde mir das Buch mal genauer anschauen! 🙂

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