frau momos minimalismus

Knockout by Sonnenstore

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Oder: Schöne neue Arbeitswelt

Ich arbeite in einem Bürogebäude, das 2011 fertig gestellt wurde. Noch nie habe ich in so einem jungen Gebäude gearbeitet. Und bis zu diesem Jahr auch noch nicht mit einer speziellen Errungenschaft des 21. Jahrhundert die Bekanntschaft gemacht: mit der sensorgesteuerten Sonnenstore.

Hört sich erst einmal gar nicht verkehrt an: An den grossen, fast bodentiefen Fensterscheiben sind Sensoren angebracht, die die aktuelle Helligkeit messen und die Store nach Bedarf in die Beschattungsposition fahren.

Doch in Wahrheit sind diese Sensoren reinkarnierte Vampire. Anders lässt sich das unterschiedliche Helligkeitsempfinden der Sensoren und der Menschen, die in diesem Haus arbeiten, nicht erklären.

Bei allerbesten Lichtverhältnissen, in denen man arg- und sorglos vor sich hin arbeitet, setzt sich plötzlich quietschend dieses Metalldingens in Bewegung. Die Lamellen fahren aufreizend langsam herunter. Unten angekommen versetzen sie sich mit einem klackenden Geräusch in die Beschattungsposition, die die Sensoren für angemessen halten … und – zack – sitzt man im Halbdunkeln.

Dieser Mechanismus wird hausweit zentral gesteuert. Sobald die Sensoren befinden, es sei zu hell zum Arbeiten, setzen sich im gesamten Gebäude die Storen in Bewegung. Das eigene Bürofenster ist dann, in einem zweiten Schritt, manuell einstellbar. Dazu gibt es neben der Bürotür einen Schalter, mit denen man die Lamellen anders einstellen oder wieder hochfahren kann. Mit so individuell eingestellten Storen könnte man dann – rein theoretisch – gut weiter arbeiten.

Aber selbst Vampire öffnen ihren Sargdeckel, sobald es dunkel ist. Schiebt sich eine Wolke vor die Sonne, gehen die Storen ebenso quietschend und aufreizend langsam wieder hoch. Wieder greift die hausweite, zentrale Steuerung. Das ganze Spiel beginnt von vorne.

Phasen des Knockout by Sonnenstore

Bei uns ein alltägliches Bild: Während einer Sitzung steht ein Mitarbeiter, sobald sich die Store aus heiterem Himmel bewegt, mitten im Satz auf. Er spricht ungeniert weiter, geht zur Tür, betätigt den Schalter und setzt sich wieder. So, wie man sich sonst nebenbei etwas Wasser zum Trinken nachgiesst oder an der Nase kratzt, so stellt man bei uns die Store ein.

Anders, wenn Menschen alleine an ihrem Schreitisch im Büro sitzen. Es gibt unterschiedliche Phasen des Knockout by Sonnenstore, die klar vom Verhalten des Einzelnen ablesbar sind:

Phase I: Am Anfang steht das Refraiming. Das kommt aus dem NLP und heisst, etwas hahnebüchen übersetzt, sich die Situation schönzureden. „Dann stehe ich halt öfters mal auf, das ist eh gesund. Die sieben Meter zur Tür und zurück – das tut gut. Sitzen ist ja eh das neue Rauchen.“

Schon bald darauf setzt Phase II ein: Man bleibt stur und storenunabhängig sitzen. Genug bewegt. Doch jeder Arbeitskollege, der an der Bürotür vorbei geht, wird angefleht: „Duuuuu, kannst du bitte kurz die Store einstellen?! Ich danke dir! Mach ich gerne auch mal für dich!“. Ein Gang über den Büro-Flur und schwupps man ist Store-Manager (hahaha).

Dann kommt Phase III. Man gibt sich geschlagen. Die Arbeitskollegen haben schliesslich auch noch etwas anderes zu tun. Knockout by Sonnenstore. Klares Kennzeichen dieser Phase: Menschen sitzen bei allerschönstem Wetter in abgedunkelten Räumen und haben das Deckenlicht eingeschaltet. Das Deckenlicht brennt in diesem Fall kategorisch von morgens bis abends – damit man alle Aktivitäten der Sonnenstore einfach über sich ergehen kann.

Zugegeben, in Phase III könnte man depressiv werden und sich aus den Fenster stürzen wollen. Doch die Fenster, die man öffnen kann, sind vergittert. Das ist kein Scherz, aber wiederum eine ganz andere Geschichte aus der schönen, neuen Arbeitswelt.

6 Kommentare

  1. In mir machen sich gerade 2 Gefühlsrichtungen breit:
    die eine ist leidet regelrecht mit dir mit, sowas nervtötendes ist ja unglaublich.
    Die andere Seite in mir lacht sich halb schlapp. Das ist ja sowas von abgedreht.

    Vermutlich hat da irgendwer gemeint, dass sei jetzt eine ganz geniale Investiton, Installation und unglaublich innovativ und modern.
    Ich finde nur: Ein krasses Beispiel technikgläubiger Dummheit.
    Wieviel Zeit geht nicht nur für das Hin- und her laufen drauf, sondern auch fürs ärgern, fürs abgelenkt sein.
    Gäbe es eine Internetseite mit Beispielen unsinniger und uneffektiver Technik (ich taufe sie mal http://www.dummtechnik.com), dann wäre dieses Beispiel ja schon mal ganz oben auf der Seite.
    Hat nicht irgendwer Lust, so eine dummtechnik-Webseite zu machen? 😂

    • Liebe Gabi

      Die ganze Geschichte ist total nervtötend, hast du richtig erkannt.

      Es gibt Einsatzbereiche oder Situationen, da machen sensorgesteuerte Sonnenstore Sinn. Zum Beispiel in Gebäuden, in denen kein Mensch anwesend ist und die Sonneneinstrahlung aus irgendwelchen Gründen reguliert werden soll. Aber am Arbeitsplatz während der Arbeitszeit …

      Herzlich, Barbara

  2. Moin,
    herrlich ich musste so lachen, tschulligung 😀
    Das ist ja eine ganz „tolle“ Technik und so Energiesparend *rollt mit den Augen.. .
    Das Altbewährte wie Vorhänge oder Jalousien ist wohl nicht mehr hipp genug, schade
    eigentlich, das hat aber funktioniert ohne das man zum Vampir mutiert 🙂
    und Sitzen ist das neue Rauchen? Der ist auch nicht schlecht 😀

    Lg
    Aurelia

    • Ein kräftiges Moin Moin in die alte Heimat, liebe Aurelia

      Ja, ich wünsche mir auch sehnlich die guten, alten Jalousien zurück – wäre wahrscheinlich in jeder Hinsicht die ressourcenschonendere Variante gewesen.

      Herzlich, Barbara

  3. Liebe Frau Momo,

    das klingt sehr nervig. Ich habe im Büro Jalousien, die ich händisch betätigen muss. Meist sind sie unten, da mein PC-Bildschirm halb vorm Fenster steht und ich nichts auf dem PC lesen kann, wenn die Sonne so hell durch das Fenster scheint.
    Es gibt im Raum aber noch zwei weitere Fenster – und so kommt noch Licht rein.

    Ich bin neulich am Sonntag auch an einem Bürogebäude mit elektrischen Vampiren vorbeigegangen und die verdunkelten das Gebäude sogar am Sonntag, obwohl am Sonntag da gar keiner arbeitet… .

    Viel Geduld dir mit deinen Vampiren!
    LG Annika

  4. Ich kenne gar keine andere Bürogebäude mehr. Aktuell sind es nicht Storen, die hoch und runter gehen, sondern verspiegelte Lamellen, die nach Lust und Laune senkrecht um die eigene Achsen rotieren. Samt nervtötendem Gequitsche. Neulich freute ich mich, dass die Sonne nicht mehr blendete (gerade im Herbst geht doch nichts über Sonnenschein), zack, drehten sich diese Spiegelflächen um 90° und eine zweite Sonne blendete mich. Die inneren Storen mussten gleich nach unten gelassen werden. Schade um das schöne Wetter.

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