frau momos minimalismus

„Ich mache fast nichts, was ich nicht gerne mache“

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Digitaler Minimalismus

Mario lebt ohne Internet, E-Mail, Smartphone und TV

Ich habe Mario im Jahr 2011 auf einem Seminar kennengelernt. Schon damals faszinierte mich, dass er keine E-Mail-Adresse besitzt. Dieses Jahr traf ich ihn erneut. Nach wie vor gestaltet Mario sein Leben ohne E-Mail-Account, Smartphone und TV. Von einem PC oder Internet-Anschluss ganz zu schweigen.

Für mich, die einen Großteil des Tages vor dem Rechner verbringt, aus der S-Bahn heraus Tweets sendet oder in einer unbekannten Gegend mit Google Maps ihren Weg findet, undenkbar. Wie lebt es sich weitestgehend analog im digitalen Zeitalter? Ich traf Mario in Zürich zu einem Gespräch.

Eine Jungfrau in Sachen E-Mail-Account

Nein, er hat wirklich noch nie in seinem Leben eine E-Mail-Adresse besessen, beteuert er auf meine Nachfrage hin. Kontakt zu Freunden und zur Familie hält Mario über Telefon und SMS. Wenn er sich für Seminare anmeldet, tätigt er das traditionell über den Postweg. Das gleiche gilt für Korrespondenz mit Versicherungen, Behörden und dergleichen.

Mario arbeitet freiberuflich als Schreiner und Handwerker. Seine Aufträge bekommt er telefonisch herein. Es scheint, als sei sein Handy, das seine besten Tage bereits lange hinter sich hat, das einzige Zugeständnis an das Kommunikationszeitalter.

„Mit logischem Denken komme ich in der Regel weiter“

Ab und an schaut jemand für ihn – so nennt er das. Dann geht er beispielsweise zu seinem Bruder. Dieser sucht ihm aus dem Internet eine Adresse heraus, einen bestimmten Artikel oder einen Ortsplan, den Mario sich dann ansieht und einprägt.

Ein Smartphone mit Diensten wie Google Maps braucht er nicht. „Wenn ich in einem unbekannten Ort die Kirchgasse aufsuchen möchte, suche ich sie in der Nähe der Kirche. Alternativ frage ich jemanden nach dem Weg oder nehme einen gedruckten Stadtplan mit.“

Dass für ihn jemand schaut, das kommt ungefähr einmal im Monat vor.

Frei von FOMO (Fear of missing out)

Mario ist 55 Jahre alt. Geboren und aufgewachsen in der Nähe Zürichs, lebte er sein Leben lang in der Peripherie der Schweizer Großstadt. In dieser Zeit gab es für ungefähr zwei Wochen einen PC in seiner Wohnung, den er geschenkt bekommen hatte. Doch dieser war defekt und er entsorgte ihn wieder.

Nein, versichert er mir erneut, er hat nicht das Gefühl, etwas zu verpassen. Ganz im Gegenteil, eher das Gefühl, Sachen von sich fern zu halten, die nicht notwendig sind. Die Informationsüberflutung der heutigen Zeit hat für ihn etwas suchtauslösendes. Einen TV schaltet er an und dann bleibt er vor ihm hängen. Das passiert ihm mit einer Zeitung nicht.

„Ich habe nicht das Bedürfnis, alles sofort wissen zu müssen“

Das Internet empfindet er gelegentlich als Krücke. Alles Wissenswertes kann man sofort nachschauen, ohne sich dabei zu bilden. Es fehlt ihm das eigene Denken, die substanzielle Auseinandersetzung mit den Inhalten. Das Googlen von Inhalten ist für ihn oft ein „momentanes Wissen“, ein oberflächiges, ausgelagertes Wissen ohne Nachhaltigkeit.

Auch nervt ihn dieses zeitliche Optimieren, das mit dem Gebrauch eines Smartphones einhergeht. Warum muss jemand in der ZVV-App (Zürcher Verkehrsverbund) nachschauen, auf welche Minute genau die S-Bahn fährt und möglichst eine Punktlandung hinlegen? In der Regel weiß man doch ungefähr, in welchem Takt die Bahnen verkehren. Ein paar Minuten zu warten, das ist in Marios Augen nicht schlimm. Ihn laden sie dazu ein, sich in Geduld und Muße zu üben.

„Für das schmale Geld, das ich habe, bin ich großzügig“

Mario lebt bescheiden wie er sagt. Reisen tut er nicht. In seiner Freizeit nimmt er an Seminaren teil, in denen er sich bewegt und anderen Menschen begegnet. Weiterhin liest er viel, vor allem Tageszeitungen. Ihn beschäftigen Verteilungsfragen, die Ungleichgewichte zwischen Arm und Reich. Er sagt, man hat die Pflicht für die zu sorgen, die gar nichts haben. Und unterstützt Organisationen wie Caritas.

Mir scheint, Mario hat seine internetlose Nische gefunden. Er macht auf mich einen ausgewogenen und zufriedenen Eindruck. Ihm ist klar, dass dies mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht auf Ewig so gehen wird. Es wird der Tag kommen, an dem es auch für ihn keinen Weg mehr um das Internet herum gibt. Vor diesem Tag fürchtet er sich ein wenig. Und lebt bis dahin weiter wie bisher.

5 Kommentare

  1. Hallo Barbara,

    ich finde es in der Regel gut, wenn Menschen neue Entwicklungen hinterfragen. Die Tatsache, dass wir alle versuchen, etwas zu entschleunigen, gibt Mario Recht.

    Ich selbst verzichte auf aktuelle Nachrichten, weil mir das nicht genügend Tiefe gibt. Lieber verwendet ich meine Zeit anders und informiere mich später nachhaltiger, falls es mich überhaupt interessiert. Wissenslücken schreibe ich mir gern auf, um sie später zu recherchieren.

    Und auf der anderen Seite genieße ich die Vorteile des Internets. Auf analoge Briefe für die alltägliche Kommunikation angewiesen sein? Undenkbar für mich. Gerade bei Behörden sehne ich mich nach mehr Digitalisierun wie in Schweden. Trotzdem freue ich mich darüber, wenn mir ein lieber Mensch ab und an einen Brief schreibt.

    Lieber Gruß,
    Philipp

    • Hallo Philipp,

      ich bin auch eher internet-affin gestrickt. Für mich war das Internet schon immer ein faszinierendes und bereicherndes Netzwerk. Unabhängig davon hat es zu solch umfassenden Umwälzungen geführt und vor allem das Kommunikationsverhalten sowie die Mediennutzung der Menschen grundlegend verändert. Für mich bedarf es deshalb der persönlichen Auseinandersetzung damit – wie auch immer diese stattfindet.

      In der Auseinandersetzung mit Marios Aussagen und im Austausch mit anderen Minimalisten habe ich in letzter Zeit vor allem über meine Smartphone-Nutzung nachgedacht. Und Taten folgen lassen. Ich schalte immer öfter und immer länger in den Flugmodus. Probiere mein Sein mit mir – ohne Anschluss an mein digitales Leben mit E-Mails, sozialen Netzwerken und WhatsApp-Chats. Ich merke, es geht dabei nicht nur um Erreichbarkeit, sondern auch um Verbundenheit. Und es tut gut, diesen Aspekt der digitalen Kommunikation bewusster zu gestalten – Zeiten der Stille, der digitalen Nicht-Verbundenheit und Nicht-Erreichbarkeit einzurichten wie auch Zeiten, in denen ich für jedwede Kommunikation offen bin.

      Liebe Grüsse,

      Momo / Barbara

  2. Hallo Barbara!

    Sehr interessanter Beitrag, nachdem ich in letzter Zeit immer mehr meinen Internetgebrauch hinterfrage, regt mich das zum Nachdenken an.

    lg
    Maria

    • Hallo Maria

      Viel Spass beim Nachdenken! Ich hinterfrage seid dem Gespräch mein Gebrauch von Google, also das selbstverständliche Googlen von allem, was ich nicht weiß bzw. nicht sofort parat habe.

      Lieber Gruß,

      Barbara

  3. Hi Frau Momo.

    Ein super interessanter Bericht, der sehr zum Nachdenken anregt.
    Ich habe schon ein paar mal einen „Smartphone-Entzug“ gemacht, weil ich merke, dass ich einfach viel zu abhängig davon bin. Mittlerweile brauche ich es nicht mehr ständig, kann wieder ohne aus dem Haus gehen und achte bewusst darauf, nicht ständig, immer und überall für jeden erreichbar zu sein.

    Ich finde es total bewundernswert, in unserer Gesellschaft komplett in der realen, und nicht in der virtuellen Welt zu leben.
    Ich bin mir ziemlich sicher, dass einen das viel glücklicher und zufriedener macht… Das Internet kann einen zwar unendlich lange beschäftigen, aber es ist einfach nichts echtes und nichts wichtiges.
    Auch mit dem Punkt Wissen hat Mario wohl leider Recht. Ich wünschte, es wäre anders. Aber ich weiß ja selbst, dass ich mir 99% der Dinge, die ich google nicht merke. Ich weiß ja schließlich, dass ich sie googeln kann.

    Ich hoffe, dass wir irgendwann ein bisschen den Weg aus dieser virtuellen Welt zurück finden, aber ich habe die Befürchtung, dass das nicht der Fall sein wird….

    Liebe Grüße, Nele
    its-nele.blogspot.de

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