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Hilfreiche Gespräche in schwierigen Situationen führen

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Nach ELSE fragen

Heute stelle ich dir eine wirksame Art und Weise vor, mit der du mit Menschen, die in einer schwierigen Situation sind, in einen einfühlsamen und zugleich hilfreichen Kontakt gehen kannst. Denn neulich habe ich die richtungsweisende Kraft von „Gefühlsfragen“ wieder einmal am eigenen Leibe erlebt und möchte dies als Inspiration weitergeben.

Ich gerate also neulich ziemlich unvermittelt in eine für mich emotional schwierige Situation. Ich telefoniere daraufhin mit einer Freundin. Diese hört sich meinen ersten, aufgeregtem Redeschwall an, schweigt eine kurze Weile und fragt mich dann schliesslich: „Ja, und wie ging es dir, als das passierte? Was hast du gefühlt?“

Diese Frage öffnet Türen für mich. Ich merke, wie ich dadurch, dass ich von meinen Gefühlen berichte, mehr Klarheit darüber gewinne, was mich eigentlich an dem Geschehen so aufgewühlt, um was es mir eigentlich geht. Nach und nach „sortiert“ sich mein Inneres und wie von selbst schält sich der Punkt heraus, um den es mir eigentlich geht.

Wenn schwierige Situationen in Gesprächs- und Beziehungsfrust münden

Vielleicht hört sich das nun etwas unspektakulär für dich an (und ich habe es natürlich arg zusammengefasst). Doch meiner Erfahrung nach fragen wir nicht sehr oft „Wie hast du dich gefühlt?“, wenn uns jemand von einer Situation erzählt, die für ihn schwierig ist. Eher setzen wir uns schnell die Lösungs- oder Meinungskappe auf und versuchen zu helfen, indem wir Dinge wie diese erwidern: „Und wenn du dies und jenes machst?“ oder „Ich an deiner Stelle würde XY tun“.

Und manchmal entstehen so lange, wortreiche, erschöpfende Gespräche in einer Endlos-Schleife von „Warum machst du nicht …“ „Nein, das geht nicht weil, ..“.  Resultat ist Frust auf beiden Seiten, denn so zementiert man das Gefühl von Unfähigkeit – beim Zuhörer die Unfähigkeit zu helfen und beim Betroffenen die zur Veränderung.

Gefühle spielen bei der Lösungssuche eine zentrale Rolle

Die Frage nach den Gefühlen ist eine richtungsweisende Alternative für solche Gespräche. Bevor wir in Lösungen zu denken vermögen, wollen Gefühle wahrgenommen und verarbeitet werden. Zudem geben uns die Gefühle auch oft den entscheidenen Hinweis, in welche Lösungsrichtung es gehen kann.

Es ist das emotionales Erfahrungsgedächtnis, das adaptive Unbewusste, das in Situationen aller Art als erstes reagiert. Wir spüren „Oh je, hier fühlt sich gerade etwas überhaupt nicht gut oder richtig an“ – ganz gleich, um welche unangenehme Emotion es sich handelt. Unseren bewussten Verstand brauchen wir dann, um die Gefühle zu sortieren, in eine präzise Sprache zu bringen und um sie dann mit den rationalen und logischen Aspekten der Situation zu synchronisieren.

Gefühle wollen gehört und wahrgenommen werden. Wenn dieser Prozess nicht stattgefunden hat, sind wir für Lösungen nicht offen.

Und unsere Gefühle verarbeiten wir u. a. beim Erzählen, wenn wir beispielsweise jemanden davon berichten, wie wir uns fühlen.

ELSE – eine kurze Abfolge von offenen Fragen

Das Gespräch mit meiner Freundin rief mir ELSE in Erinnerung, eine Fragetechnik, die ermöglicht, mit dem Herzen zuzuhören und die zugleich den Fokus auf die Gefühle und Ressourcen des Betroffenen lenkt.

ELSE geht zurück auf David Servan-Schreiber, einem Psychiater in den USA. Er war damit beauftragt, Ärzte, die nicht psychiatrisch tätig sind, darin zu unterrichten, wie sie ihren Patienten besser zuhören können – gerade angesichts knapper Zeitbudgets. Er suchte nach einer effektiven und menschlichen Art, mit Menschen in Kontakt zu treten und ihnen zu helfen, dass sie sich besser fühlten.

David Servan-Schreiber entwickelte in empirischen Forschungsarbeit ELSE und stellte dann fest, dass er ELSE nicht nur im ärztlichen Kontext, sondern in unterschiedlichen Lebensbereichen mit den gleichen Nutzen anwenden konnte: in der Familie, im Umgang mit Freunden und selbst gegenüber Kollegen in schwierigen Phasen.

Nach ELSE fragen

Was ist passiert?

Diese Frage leitet das Gespräch ein. Damit wir einen Kontakt herstellen können, muss uns ein Mensch, der emotional aufgewühlt ist, uns erst einmal erzählen, was ihm widerfahren ist. Jetzt gilt es einfach zuzuhören – ohne zu unterbrechen. David Servan-Schreiber empfiehlt 3 Minuten Zuhören, aber nicht mehr.

Das hört sich vielleicht wenig an – aber lasse bewusst einmal jemanden 3 Minuten sprechen, ohne ihn zu unterbrechen. Wenn dein Gegenüber allerdings wesentlich länger als 3 Minuten redet, besteht die Gefahr, dass es sich verheddert und nicht zum Wesentlichen kommt. Und das Wesentliche sind die Gefühle. Deshalb nach ca. 3 Minuten die Frage nachschieben:

E für Emotion: Was hast du dabei empfunden?

Manchmal fühlt es sich merkwürdig an, die Frage zu stellen. Das ist der Fall, wenn wir denken, dass es doch offensichtlich ist, wie es dem anderen geht. Meine Erfahrung ist: Stell’ die Frage, höre zu und lass dich überraschen.

Manchmal überwiegt eindeutig eine bestimmte Emotion, dann wieder gibt es ein Potpourri an verschiedenen Gefühlsqualitäten. Alles ist „richtig“ und erlaubt. Und falls dein Gegenüber viele verschiedene Gefühle hat und du das Gefühl hast, nicht durchzublicken, ist das kein Grund zur Beunruhigung. Denn die nächste Frage wirkt in jedem Fall kanalisierend:

L für Lass mich das Schwierigste wissen: Was ist das Schwierigste für dich?

Diese Frage führt zu dem tiefsten Punkt, dem Zentrum des Schmerzes. Nur dort unten kann man sich abstossen und dann wieder nach oben steigen. Diese Frage wirkt zentrierend, konfuse Gefühls- und Gedankenmuster können sich auflösen: Die Gedanken ordnen sich um den zentralen Punkt herum. Oft bringt diese Frage für den, der zuhört, etwas total Unerwartetes zu Tage.

Die Energie des Gesprächs ist nun an der Hauptquelle des Problems gebunden. Deshalb lenkt die nächste Frage die Aufmerksamkeit auf die Ressourcen, die zur Bewältigung der Situation zur Verfügung stehen:

S für Standhalten: Was hilft dir standzuhalten?

Die möglichen Lösungsansätze und Unterstützungsmöglichkeiten kommen nicht von außen, sondern aus dem Menschen selbst. Denn es ist das Beste was wir tun können: einfach da zu sein und den anderen zu begleiten, statt eine Lösung nach der anderen vorzuschlagen und uns Probleme aufzuladen, die nicht die unseren sind.

Manchmal wird man an dieser Stelle etwas hibbelig, weil wir es eben gewohnt sind, schnell Lösungen zu bieten oder denken, der andere würde etwas nicht sehen/erkennen. Doch man darf die Fähigkeit der Menschen nicht unterschätzen, sich auch aus sehr schwierigen Situation wieder herauszuarbeiten.

Die Frage nach den Ressourcen bildet das Schlusslicht dieser kleinen Abfolge. Nun gilt es, uns als Zuhörer abschliessend als Gegenüber zu erkennen zu geben:

E für Empathie: In ehrlichen Worten ausdrücken, was man beim Zuhören empfunden hat

Hier bringen wir als Zuhörer unsere Dankbarkeit und Wertschätzung für das entgegengebrachte Vertrauen zum Ausdruck. Oder wir geben eine Rückmeldung, was uns an dem, was wir gehört haben, bewegt oder berührt hat. Es ist das Signal: Ich habe dich gehört und das, was du gesagt hast, ist nicht spurlos an mir vorbei gegangen. Deshalb ist auch eine authentische Aussage an dieser Stelle wichtig.

Das Wunderbare an ELSE ist, dass du dich von dem inneren Anspruch oder Druck befreien kannst, die Situation klären oder lösen zu müssen und dennoch einen wirkungsvollen Beitrag leistest, dass sich dein Gegenüber besser fühlt.

Alle kursiv gesetzten Sätze habe ich übernommen aus: David Servan-Schreiber: Die Neue Medizin der Emotionen.

5 Kommentare

  1. Eiskalt erwischt! Meinen Freunden zu Folge bin ich ein typischer Lösungsfinder – allerdings eher, wenn es um meine eigenen Probleme geht.

    ELSE erinnert mich sehr an das Prinzip, anderen dabei zu helfen, sich selbst zu helfen. Wobei ich die Anteilnahme hier sehr wichtig finde. Denn wenn mir jemand ein Problem anvertraut, ist das Letzte was diejenige Person hören möchte, wie naheliegend und einfach die Lösung doch ist.

    Obwohl ich als Lösungsfinder dafür auch schon sehr dankbar wäre. 😉

    Lieber Gruß,
    Philipp

    • 😉

      Weißt du, man kann ja fragen, was der andere gerade braucht: „Möchtest du, dass ich dir helfe, zu einer eigenen Lösung zu kommen oder darf ich dir ein paar Lösungswege anbieten, die ich sehe?“.

      Manchmal ist man für mögliche Lösungswege ja verdammt dankbar, vor allem, weil sich das eigene Gesichtsfeld in Stresssituationen oft einschränkt und man den Überblick nicht mehr hat. Und wenn man dann einen klugen, aufmerksamen Lösungsfinder an seiner Seite hat, ist das Gold wert.

      Zentral erscheint mir die Verarbeitung der Gefühle, also das Wahrnehmen, Anerkennen und Aussprechen der Gefühle, die für den Betroffenen mit der Situation verbunden sind. Wenn man diesem Prozess Raum gibt – einfach nur durch Fragen wie „Wie fühlst du dich?“ oder „Was ist schwierig für dich daran?“ ist schon viel gewonnen. Und dann kann man ja – wie ich oben auch schon schrieb – fragen, was der Betroffene nun braucht.

      Liebe Grüsse, die Frau Momo

  2. Ein ganz toller und sehr hilfreicher Artikel. Den werde ich mir gleich ausdrucken und archivieren 🙂

    Vielen Dank dafür.

    Liebe Grüße
    Sabine

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