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Gelesen: „Der Klügere denkt nach“ von Martin Wehrle

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Zugegeben, ich bin mit recht spitzen Fingern an das Buch heran gegangen. Denn schon den Titel finde ich nicht gelungen. Der Klügere denkt nach – zunächst dachte ich, es geht um Gehirnjogging oder ähnliches. Erst der Untertitel Von der Kunst, auf die ruhige Art erfolgreich zu sein gibt einen Hinweis, dass es in diesem Buch tatsächlich um Introversion und Hochsensibilität geht.

Auch den verpixelten Fuchs auf dem Cover finde ich in der Wirkung verfehlt. Ich schätze, er soll die clevere und geschickte Fuchsenergie der Zielgruppe ansprechen. Auf mich wirkt es versachlicht.

Mit diesen Vorbehalten habe ich angefangen, das Buch zu lesen. Dennoch hat es sich mir als Inspirationsquelle erschlossen! Es wird mir als wertvolles Nachschlagewerk für die Vorbereitung auf typische ***ARGH***-Situationen wie Small-Talk oder Brainstorming dienen. Zudem empfinde ich es als einen Schritt in die richtige Richtung, dass die Hochsensibilität von einem Business-Bestseller-Autoren wie Martin Wehrle aufgegriffen wird.

Introversion ist keine Schüchternheit. Stille Menschen tragen mit ihrem kreativen Tiefgang ein immenses Potential in sich. Das hat sich bereits herum gesprochen. Dagegen wird die ist Hochsensibilität häufig kritisch gesehen und ist eher noch negativ assoziiert. Es ist Zeit, dass die Hochsensiblen aus der Mimosen-Ecke heraus kommen und ihre feinen Antennen als das verkaufen, was sie sind: Fantastische Spürnasen, die einen wertvollen Beitrag leisten.

Martin Wehrle setzt bei dem „Alien-Feeling“ vieler zurückhaltender Menschen an. Dieses „Ich bin anders als die anderen und irgendwie falsch geraten„- Gefühl. Dieses Gefühl, das einsetzt, wenn man keine 35 toll klingenden Wochenend-Aktivitäten aufzählen kann. Sondern sich mit einem „Ich war Zuhause, habe viel gelesen und geschlafen“ eher als Mangelexemplar fühlt, das sein Leben verschwendet.

Dazu führt Martin Wehrle einleitend aus, wie die Massstäbe der lauten, extrovertierten Elefanten-Welt wie selbstverständlich zu einer Art Persönlichkeits-TÜV erklärt werden:

Kann es war sein, dass die Vorlauten Ihnen als Vorbilder eingeredet werden? Haben Sie mal überlegt, warum Rednerkurse für Stille der Renner sind – während kein Dauerredner es für nötig hält, einen Kurs im Zuhören zu buchen? Und sind sie einverstanden damit, dass Bücher für Hochsensible ein Verkaufsschlager sind – während es die Unsensiblen nicht für möglich halten, sich über ihr mangelndes Einfühlungsvermögen zu informieren?

Mit dem Bewusstsein, dass eventuell eine verzerrte Messlatte zugrunde gelegt wird, kann es zu einer Neubewertung von Persönlichkeitsausprägungen kommen. Es geht darum, anders (nicht etwa besser) von sich zu denken und zu sprechen. Es geht darum, die vorhandenen Persönlichkeitsausprägungen als zu Fähigkeiten und Kompetenzen zu begreifen. Mit witzigen und treffenden Formulierungen vertritt Martin Wehrle konsequent diese stärkenorientierte Sicht, die sich durch das ganze Buch durchzieht.

Nach dem obligatorischen Test Bin ich introvertiert und/oder hochsensibel? folgt ein ausführlicher Gang durch das Gruselkabinett für zurückhaltende Menschen: Small-Talk, Partnerschaftssuche, Vorstellungsgespräche, Brainstormings, Meetings und Reden. Martin Wehrle gibt unzählige Anregungen wie Stillarbeiter in diesen Situationen ihre Fähigkeiten bewusst für sich und für ihre Arbeit nutzen. Ein deutlich anderer Weg, als sich auf Teufel komm raus extrovertiert verhalten zu wollen. Es sind Empfehlungen, die sich mit den Werten und dem Können von hochsensiblen und introvertierten Personen vereinbaren lassen: Fairness, Tiefgang, Ehrlichkeit, Kreativität, Mitgefühl. Sogar das Schweigen findet Würdigung im Form einer Strategie. Die vorgestellten Ideen sind Impulse, die jeder für sich konkret ausgestalten kann.

Auch wenn Martin Wehrle das Thema Partnersuche und Partnerschaft nicht ausgespart, liegt ein klarer Schwerpunkt des Buches auf Situationen im Business. Deshalb eine Kaufempfehlung für introvertierte und hochsensible Menschen, die ihre Stärken im Beruf mehr ausspielen wollen.

Und hier gibt es noch ein spannendes Buch zu diesem Thema:  Die Stärken der Stillen von Jennifer Kahnweiler

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