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Gelesen: „Das Mädchen, das verstummte“ von Hjort und Rosenfeldt

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Rezension, @sadfsh gewidmet, mit Tanz auf Spoiler’s Schneide

In der ländlichen Umgebung einer Kleinstadt wird eine komplette Familie erschossen. Vier Morde mit einer erschreckenden, kaltblütigen Direktheit: Der Täter klingelte an der Tür, kam ins Haus und erschoss nacheinander alle Familienmitglieder mit der Schrotflinte aus nächster Nähe, selbst die zwei kleinen Söhne in ihren Schlafanzügen. Der örtliche Kommissar erkennt schnell seine Grenzen und fordert zur Aufklärung des Verbrechens das Team der Reichsmordkommission an. Sebastian, Torkel, Vanja, Billy und Ursula sind – wie  gewohnt – neben den Ermittlungen auch jeweils mit ihrem Privatleben beschäftigt.

Der erste Teil des Buches verläuft recht eindimensional: Der erste Hauptverdächtige wird schnell selbst zum Opfer – er wird ebenfalls mit der Schrotflinte erschossen. Nun geht es primär darum, die fünfte Person, die sich während der Morde ebenfalls im Haus befand, auf ihrer Flucht aufzuspüren. Und als dieses kleine Mädchen dann gefunden wird, gilt es, sie zu beschützen, denn der Mörder, der seine Enttarnung fürchtet, ist ihr auf den Fersen. 

Im zweiten Teil des Buches gewinnt die Kriminalgeschichte etwas an Komplexität, ein handfestes Tatmotiv taucht auf und verschiedene Spuren werden durch die Teammitglieder der Reichsmordkommission verfolgt. Parallel dazu übernimmt Sebastian den Schutz des kleinen Mädchens und nimmt sie mit seiner Mutter bei sich auf. Nach einer überraschenden Wende und Aufklärung der Morde, endet das Buch mit der Hochzeit von Billy mit My und – wie gewohnt – einem Cliffhanger.

Was mir an dem Buch gefällt

Der Schreibstil ist gut zu lesen. Die verhältnismässig kurzen Kapitel machen es mir leicht, das Buch auch zwischendurch mal zu lesen. Kein mühsames Wiedereintauchen in die Story, keine ellenlange Sätze, bei denen ich am Ende nicht mehr weiß, wie sie begonnen haben.

Das psychologische Feingespür der Autoren, differenziert die verschiedenen, manchmal auch widersprüchlich wirkenden Schattierungen von Menschen darzustellen, schimmert wieder durch. Dadurch werden bestimmte Figuren zwar nicht sympathischer, aber ihre Handlungen nachvollziehbarer.

Sebastian macht eine erstaunliche Entwicklung durch. Zunächst kommen seine alten Charakterzügen noch zum Tragen – indem er zum Beispiel nichts besseres zu tun hat, als mit der für den Fall zuständigen Staatsanwältin ins Bett zu gehen. Zugleich wirkt er zunehmend ausgewogener, ruhiger, reflektierter und er entwickelt Empathie. Sebastian entdeckt den Wert einer vertrauensvollen Beziehung wieder. Diese Entwicklung wird für mein Gefühl zwar etwas kitschig dargestellt; dennoch freut es mich außerordentlich, von einer Ermittler-Figur zu lesen, die eine erfreuliche und auch berührende Entwicklung erlebt. Nicht viele Ermittler der Kriminalliteratur sind damit gesegnet – ich denke da zum Beispiel an Kurt Wallander: Trennung, Einsamkeit, Tod des Vaters, Diabetes, Alzheimer.

Was mir an dem Buch nicht gefällt

Mein grösster Kritikpunkt an der Geschichte ist ihre Eindimensionalität und Geradlinigkeit: Die eigentliche Kriminalstory ist mir zu wenig ausdifferenziert. Ich vermisse ein breiteres, ineinander verwobenes Spektrum an verschiedenen Tatverdächtigen, Motiven, Informationen und Spuren. Als allzu geradlinig empfinde ich auch den Prozess des kleinen Mädchens, das sich aus ihrem Trauma heraus malt und dabei eine geradezu mustergültige Reihenfolge einhält.

Zudem gibt es für mich ein paar Ungereimtheiten wie beispielsweise diese:

  • Ich fand es wunderlich, dass ein ganzes Team hochspezialisierter Krimitaltechniker nicht bemerkt, dass zum Tatzeitpunkt fünf Personen in dem Haus waren, nicht vier. Erst ein (ironischerweise einäugiges) und krankes Teammitglied, das den Tatort nur von Fotos und Berichten kennt, entdeckt diese Tatsache. Schlafstätte, Koffer, fünfte Zahnbürste, Mädchenkleidung in einem Jungenhaushalt … alles von erfahrenen Kriminaltechnikern übersehen?
  • Auch dass das gravierende Hauptmotiv für die Morde erst verhältnismässig spät durch eine Zeugenaussage ans Licht kommt, empfand ich als unrealistisch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass alle Beteiligten an die Geschichte, die hinter den Morden steht, nicht gedacht haben wollen, als sie vom Verbrechen hörten. Als würde man die Geschichte künstlich dehnen, damit es auch ja wieder so ein dicker Wälzer wird, wie man es von Hjort und Rosenfeldt gewohnt ist.
  • Den Plott finde ich unglaubwürdig. Um vier Menschen mit einer Schrotflinte zu erschießen, dazu braucht es einiges an psychokrimineller Energie. Dass ein zweiter Mensch das Mordvorhaben ahnt, aber nicht eingreift, die Morde in seinem Beisein geschehen lässt (weil sie eigentlich in seinem Interesse sind) und sich hinterher wie normal verhält, sein Leben weiter aufrecht erhält, als sei nichts geschehen, das glaube ich schlichtweg nicht.

Mein Fazit

Da der Sprachstil wirklich gut lesbar ist, kann ich das Buch als kurzweilige Erholung vom Alltag empfehlen. Wer einen ausdifferenzierten Kriminalroman sucht, sollte sich diesen Wälzer nicht antun.

2 Kommentare

  1. Ich würd dich ja sogern drücken. Was für eine tolle Freude.

    Mit deinem letzten Satz lässt du mich ja wirklich ins Grübeln geraten. Einerseits nutze ich Krimis häufig um mal eben aus dem Alltag zu verschwinden, andererseits geschieht dies nur, weil die Storys mich dann so fesseln, dass ich in 1-2 Nächten fertig bin.
    Nachdem ich bisher, aufgrund des Vorgängers, weite Bögen um das Buch gegangen bin, lass ich mich vielleicht beim nächsten Büchereibesuch doch mal auf den Wälzer ein. Die betonte Charakterentwicklung fehlte mir zuletzt sehr und vielleicht reicht sie ja, damit ich dich Serie wenigstens wieder als solide Unterhaltung einstufen kann.

    Nochmals einen Riesendank und eine wunderschöne Reise in das neue Jahr.

    • Ja, während ich die Rezension schrieb, habe ich mir schon gedacht, dass sie dir nicht wirklich weiter hilft.

      Doch manchmal hilft selbst ein flotter Schreibstil nicht über eine magere Handlung hinweg. Ich glaube, du machst nichts verkehrt, wenn du das Buch bei Gelegenheit einmal aus der Bibliothek ausleihst und sollte es dir dann keine Nächte rauben, kannste es beherzt wieder beiseite legen.

      Dir & Apfelmädchen sei ein wunderbarer Rutsch in das neue Jahr gewünscht.

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