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Emotionalen Ballast loslassen

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Emotionalen Ballast loslassen Minimalismus Frau Momo

„Lass doch einfach los!“
„Du musst nur loslassen!“

Kennst du solche Empfehlungen? Ich hatte oft Mühe mit ihnen. Unter anderem weil ich mich gefragt habe, wie das denn nun eigentlich geht, das Loslassen.

Ich will es ja auch immer ganz genau wissen, möchte konkrete Antworten hören. Und wenn jemand mit so einer Aussage wie „Lass doch einfach los“ daher kam, dann habe ich oft nachgefragt: Was macht man denn bitte schön genau, wenn man loslässt?

Manchmal traf mich dann ein nachsichtiger Blick. So als ob ich etwas Wesentliches oder Selbstverständliches nicht kapiert hätte. Aber etwas wirklich Hilfreiches habe ich nicht erfahren.

Zugleich hat sich mittlerweile – während der Auseinandersetzung mit diesem Thema – der Eindruck in mir verfestigt, dass es beneidenswerterweise Menschen gibt, die sich die Fähigkeit des Loslassens aus der Kindheit heraus erhalten haben. Die denken  gar nicht groß darüber nach, was sie da tun. Und wenn das Loslassen als weitestgehend unbewusste Routine abläuft, dann kann man natürlich schlecht einer anderen Person erklären, was man da praktiziert.

Aber genau das wollte ich wissen. Wie geht die Praxis des Loslassens? Wenn mir jemand den Ratschlag gibt „Du solltest regelmäßig meditieren“ und ich nachfrage, was ich konkret tun soll, dann bekomme ich in der Regel eine ziemlich klare Antwort. Zum Beispiel so was wie: „Setz dich in Ruhe und mit einem aufgerichteten Rücken hin, achte auf den Luftstrom, der an der Nase ein- und ausströmt und wenn du in Gedanken abschweifst, dann kehre zu der Wahrnehmung des Luftstroms zurück.

Das ist eine Ansage, die ich befolgen kann. Beim Loslassen ist das mit den klaren Ansagen nicht ganz so gang und gäbe.

Und, wie geht loslassen nun?

Fündig geworden bin ich bei der Sedona-Methode. Ich sage nicht, dass es die einzig selig machende Loslass-Methode ist. Sie funktioniert bei mir aber richtig richtig richtig gut. Und deshalb stelle ich sie dir hier vor.

Zuvor muss ich noch einen Abschnitt über so etwas wie Ganzheitlichkeit einfügen bzw. über das, was ich als ganzheitlich bezeichne. Denn Loslassen geschieht ganzheitlich. (Das ist ein abgedroschener Begriff, ich weiß).

Wenn ich beispielsweise mit der S-Bahn nach Waldshut zum Minimalismus-Stammtisch fahre, dann hab ich Gedanken wie „Oh, ich bin gespannt, wer so kommt“ (mental), ich freue mich und bin neugierig (emotional) und ich spüre ein Champagner-Prickeln in den Mundwickeln (körperlich). Wenn ich ein paar Tage später mit der S-Bahn zur Dentalhygiene fahre, habe ich Gedanken wie „Hoffentlich tut es diesmal nicht so weh“ (mental), ich bin bedrückt (emotional) und spüre Enge in meiner Brust (körperlich).

Wir erleben uns immer auf diesen drei Ebenen: Gedanke / Gefühl / Körperempfindung. Und wir lassen auch auf diesen drei Ebenen los. Ich erwähne das so explizit, weil ich erst einen Zugang zu der Sedona-Methode gefunden habe, nachdem ich anfing, meine Körperempfindungen  – auch somatische Körpermarker genannt – während des Prozesses bewusst wahrzunehmen.

Was ist emotionaler Ballast?

Wenn Gedanken um unangenehme Situationen aus der Vergangenheit kreisen, die wir emotional nicht losgelassen haben, reagiert der Körper, als wäre die Situation real.

Vielleicht hast du Lust, einen kleinen Test zu machen: Denke an eine vergangene Situation in deinem Leben, zu der du unangenehme Emotionen hast. Sei einfach nur in Kontakt mit dieser Situation. Welche Gedanken hast du? Wie fühlst du dich? Wo spürst du das im Körper?

Kannst du wahrnehmen, wie diese Gefühle jetzt körperlich da sind, obwohl die Situation soundso viele Minuten, Stunden, Tage, Wochen, Monate wenn nicht gar Jahre her ist? Und jetzt spielen sich auch chemische Prozesse ab, es werden „Unglücks-Botenstoffe“ produziert – obwohl das alles längst vorbei ist.

Das ist emotionaler Ballast.

Prozess zum Loslassen von emotionalen Ballast*

Mach es dir bequem und richte deine Aufmerksamkeit sanft nach innen. Denke an ein Thema aus deiner Vergangenheit, bei dem du dich gerne besser fühlen möchtest.

Nimm’ für den Anfang vielleicht nicht dein Lebensthema, das du seit 20 Jahren ungelöst mit dir herum schleppst. Lebensthemen sind oft komplex, mit verschiedensten Emotionen und Erinnerungen belegt. Diese Vielschichtigkeit könnte dir am Anfang hinderlich sein.

Schritt 1
Denke an dein Thema und gestatte dir wahrzunehmen, was immer du in diesem Moment dazu fühlst.

Das Gefühl braucht nicht besonders intensiv zu sein. Wichtig ist, es wahrzunehmen und bei ihm zu bleiben. Schau’ ob bestimmte Gedanken damit verbunden sind. Und prüfe, wo du es körperlich wahrnimmst.

Falls du dir unsicher bist, was du fühlst, gehe folgende Liste durch, die verschiedene emotionale Zustände abbildet und spüre, bei welchem eine Resonanz auftaucht. (Diese Aufzählung hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit – soll nur der Anregung dienen)

  • Apathie – getrennt, machtlos, nutzlos, schockiert, unschlüssig, verloren
  • Traurigkeit – bekümmert, enttäuscht, missverstanden, verletzlich, nicht gesehen
  • Angst – angespannt, besorgt, nervös, panisch, gehemmt, zittrig, unsicher
  • Lust – besessen, drängend, ungeduldig, gierig, getrieben, frustriert
  • Wut – aggressiv, aufbrausend, hart, zornig, rachsüchtig, verärgert, fordernd, trotzig
  • Stolz – arrogant, eitel, engstirnig, kühl, rechthaberisch, stoisch, stur, unversöhnlich

Schritt 2
Stelle dir die Frage: Könnte ich dieses Gefühl willkommen heissen und da sein lassen?

Horche nach innen und prüfe, wie deine Antwort lautet. „Ja“ oder „Nein“ oder „Teilweise“ – alles ist in Ordnung.

Wenn du zum Beispiel wütend bist, dann prüfe, ob du diese Wut – nur für diesen Moment – einfach da sein lassen kannst, zusammen mit den Gedanken und den Körperempfindungen, die sie begleiten. Es geht nicht darum, die Wut auszuagieren, sondern mit dem Gefühl in Kontakt zu sein.

Unabhängig, davon, ob du das Gefühl willkommen heissen konntest oder nicht, gehe zur nächsten Frage über:

Schritt 3
Stelle dir die Frage: Könnte ich dieses Gefühl loslassen?

Prüfe, ob du das Gefühl loslassen kannst. Wäre es möglich, den Gedanken ziehen oder dieses Gefühl aus deinem Körper verschwinden zu lassen?

Hier kann es um eine sinnlich-konkrete Erfahrung gehen. Wenn du beispielsweise deine Wut als ein flammendes Gefühl im Bauch wahrgenommen hast, dann schau, ob du diese Körperwahrnehmung loslassen kannst.

Auch hier gilt: Jede Antwort, jede Erfahrung ist richtig. Es geht nicht um ein „Ich muss um jeden Preis loslassen“. Es geht um einen feinen, achtsamen Prozess des Prüfens.

Schritt 4
Frage dich: Bin ich willens, dieses Gefühl loszulassen?

Nun geht es um deine Bereitschaft, loszulassen. Nimm auch hier jede Antwort, die auftaucht, an. Meiner Erfahrung nach lassen wir selbst dann los, wenn wir diese Frage mit NEIN beantworten.

Manchmal sind wir so verletzt, dass wir an diesem Gefühl festhalten. Manchmal sind wir so identifiziert mit einem Gefühl, dass wir Angst haben es loszulassen, weil wir nicht mehr wissen, wer wir ohne das Gefühl sind. Manchmal glauben wir, wir brauchen ein bestimmtes Gefühl, um uns zu motivieren, etwas zu verändern.

Schritt 5

Stelle dir die Frage: Wann?

Wann, zu welchem Zeitpunkt oder unter welcher Bedingung, könntest oder würdest du das Gefühl loslassen? Finde deine Antwort in dir.

Wie auch immer deine Antworten ausgefallen sind, kehre zu deinem Ursprungsthema zurück und schau, wie es sich jetzt anfühlt. Hat sich etwas verändert? Was fühlst du jetzt? Beginne wieder bei Frage 1. Wiederhole den Prozess so lange, bis du dich deutlich freier fühlst.

Mein Tipp

Für mich ist es hilfreich, die jeweiligen Fragen und Antworten laut auszusprechen und damit wirklich mit dem jeweiligen Gefühl verbunden zu sein. Als größte Stolperfalle sehe ich reine Denkprozesse an. Sobald wir jedoch die Fragen und die Antworten aussprechen, aktivieren wir Spürprozesse. Wir forschen nach Antworten, die sich „richtig“ anfühlen und die damit unserer gefühlten Wahrheit entsprechen.

Wie wirkt diese Methode?

Ich habe den Eindruck, dieser Prozess wirkt vor allem dadurch, dass man sich in einer Art Zwischenraum befindet. In einem Raum zwischen der Wahrnehmung, dass man an einen Gedanken oder einem Gefühl festhält, und dem Wunsch, diesen Gedanken oder das Gefühl loszulassen. An keiner Stelle muss man loslassen oder soll man festhalten. Wir experimentieren mit mit den Erfahrungen des Loslassens und des Festhaltens. Daraus resultiert Wahlfreiheit. Zugleich bekommen wir besser mit, was es mit uns macht, wenn wir festhalten.

Nach so einem Releasing-Prozess poppen bei mir oft „vergessene“ Erinnerungen hoch. Die Bilder der Vergangenheit werden zahlreicher und klarer. Gefühlt bekomme ich mehr Distanz zu den Geschehnissen. Ich realisiere, dass ich viele Dinge gar nicht persönlich nehmen muss. Die Geschichten der Vergangenheit verlieren ihre emotionale Ladung.

Videos zur Sedona-Methode

Falls dich dieser Prozess anspricht oder du ihn mit anderen Worten erklärt haben möchtest, habe ich zwei Video-Empfehlungen für dich.

  • Benjamin Osenberg von Lerntraining.net legt den Schwerpunkt in seinem Video auf das Loslassen stressiger Gedanken.
  • Der Persönlichkeits-Coach Roland Kopp-Wichmann hat einen Mitmach-Clip aufgenommen.

*In Anlehnung an: Hale Dwoskin: Die Sedona-Methode – Wie Sie sich von emotionalen Ballast befreien und Ihre Wünsche verwirklichen

6 Kommentare

  1. Hallo!

    Nachdem mein Internet gerade mächtig zickt hatte ich gerade die Gelegenheit einen Live-Test zu machen. Danke! Geht mir gerade wieder etwas besser 🙂

    lg
    Maria

  2. Ich habe auch Mühe mit solchen, oft regelrecht hingeknallten, Empfehlungen. Ich kann auch nur loslassen, wenn die Situation tatsächlich abgeschlossen ist.

    Ein relativ einfacher Grund, warum ich momentan sauer bin, ist die nervige oder sogar manipulative Arbeitskollegin. Irgendwann werde ich den aktuellen Grund, warum ich sauer bin, zu den Akten legen, aber ich muss weiterhin mit ihr arbeiten. Niemand hat je herausgefunden, wie man die Ohren verschliesst.

    • Liebe Zora,

      ich möchte dich ermutigen, den Releasing-Prozess auch auf diese aktuelle und nicht abgeschlossene Situation mit deiner Arbeitskollegin anzuwenden. Frage dich, welche Emotion gerade am stärksten ist und gehe mit dieser durch den Prozess. Es kann sein, dass du verschiedene Emotionen wie Schichten abträgst. Also dass unter deiner Wut beispielsweise noch eine andere Emotion wie Trauer oder Angst sitzt.

      Danach ist freilich nicht alles „gut“. Aber vielleicht kannst du innerlich gelassener sein und deine Wahlfreiheit spüren, inwieweit du dich über deine Arbeitskollegin aufregen magst oder nicht. Vielleicht findest du einen ganz anderen Weg mit ihr umzugehen, kannst eventuell ein Gespräch darüber mit ihr führen, welche zentralen Werte in dir durch ihr Verhalten verletzt werden. Vielleicht kannst du in ihrer Gegenwart loslassen.

      Herzlich,

      Barbara

  3. Hallo Momo,

    ich finde es cool, dass die Sedona Methode zulässt, dass man das Gefühl durchlebt, anstatt es krampfhaft loswerden zu wollen. Bei Gelegenheit versuche ich das mal in der Praxis. 🙂

    Wie bist du denn darauf aufmerksam geworden?

    Lieber Gruß,
    Philipp

    • Hallo Philipp,

      ja, in dem Buch wird auch die Variante beschrieben, dass man einfach ein Gefühl zulässt und da sein lässt und auf die ganzen restlichen Fragen verzichtet: „Weil wir unseren Emotionen so oft Widerstand leisten und sie unterdrücken, genüg es häufig schon, sie willkommen zu heißen oder ihnen einfach gestatten, da zu sein, damit sie sich auflösen.“

      Dazu gibt es die folgende Geschichte:

      „Eine Kursteilnehmerin namens Natalie lernte ganz mühelos loszulassen, indem sie ihre Gefühle im jeweiligen Moment anerkannte. Als Pendlerin hatte sie früher oft Probleme, weil sie Angst hatte, LKWs auf der Autobahn zu überholen. Aufdringliche Gedanken und grauenvolle Bilder von Unfällen gingen ihr durch den Kopf und sie geriet in Panik. Dann begann sie auf ihren Autobahnfahrten zur Arbeit und wieder nach Hause eine unserer Kassetten aus dem Audioprogramm zur Sedona-Methode zu hören. Danach führte sie Selbstgespräche etwa dieser Art:
      ‚So, du hast also Angst?‘
      ‚Ja.‘
      ‚Kannst du dir gestatten, so ängstlich zu sein, wie du jetzt gerade bist?‘
      ‚Ja‘

      Sie machte die Erfahrung, dass die Angst kurz darauf wieder weg war. Einfach indem sie ihre Panik zuließ und ihr keinen Widerstand entgegensetzte, verschwanden ihre körperlichen Empfindungen wie rasches Atmen und Zittern und ihr Verstand beruhigte sich.“

      Ich habe das Buch schon sehr lange in meinem Bücherregal stehen und es hat wie durch ein Wunder alle Ausmist-Aktionen überlebt. Wie ich damals darauf aufmerksam wurde, weiß ich leider nicht mehr.

      Lieber Gruß,

      Barbara / Momo

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