frau momos minimalismus

Einfach laufen

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Hamburg, Mitte der 90er Jahre. Voller guter Vorsätze marschiere ich zum nächstgelegenen Park. Nun will ich auch joggen! Neujahrsvorsätze und so. Ich renne los – als ob ich einem abfahrenden Bus hinter her laufe. Nach kurzer Zeit bleibe ich japsend stehen, mit meiner Kondition am Ende. Nachdem ich wieder Luft bekomme, stolpere ich ernüchtert nach Hause. „Das macht echt keinen Spaß“ sage ich mir. „Scheiß auf die Neujahrsvorsätze.“

Kurz darauf begreife ich, dass ich Sprinten/Rennen mit Joggen/Laufen verwechsle. Dennoch bleibt das Laufen für mich lange Zeit ein Buch mit sieben Siegeln. Wiederholt mache ich Anläufe regelmässig zu trainieren, doch es funzt einfach nicht. Auch fühle ich mich neben all diesen durchtrainieren Läufern, die mit ihren drahtigen Beinen scheinbar mühelos an mir vorbeiziehen, unwohl.

Zugleich merke ich immer wieder: Mein Körper will laufen.

Und irgendwann bekomme ich den Dreh raus. 

Ich lerne joggen, indem ich anfange, zunächst sehr langsam zu laufen. Äußerst langsam. Es ähnelt einem sanften Traben auf der Stelle. „Ich laufe leicht und locker“ lautet mein Mantra, mit dem ich fortan bedächtig und konzentriert vor mich hin trabe. Die belustigten Zurufe meiner Mitbürger quittiere ich mit einem nachsichtigen Lächeln. Ich weiß, was ich tue.

Außerdem laufe ich in Intervallen. Joggen und Walken wechsle ich ab. Anfangs sind die Intervalle kurz: Ich jogge jeweils eine Minute und dann folgt eine Minute Walking. Das Tolle an diesem Intervalltraining ist: Ich mache turboschnell Fortschritte, die motivieren. Flugs steigere ich die Lauf-Intervalle auf jeweils zwei, drei, vier und fünf Minuten, die Walking-Intervalle lasse ich bei einer Minute.

Eines Tages habe ich es satt, ständig auf die Uhr zu schauen. Das ist der Tag, an dem ich einfach weiter laufe und keine Walking-Pause mehr einlege. Seitdem gehören Intervalle der Vergangenheit an. Und das ist der Tag, an dem ich merke, dass ich weitaus mehr Kondition habe, als ich dachte. Ich muss nur einen geeigneten Weg finden, um auf sie zuzugreifen.

Dann merke ich: Ich brauche ein Ziel. Denn planlos in der Gegend herum laufen, das befriedigt mich eines Tages nicht mehr. Ich bastel mir eine Goal-Card und formuliere das Ziel, bis zu einem bestimmten Zeitpunkt eine bestimmte Strecke ohne Unterbruch zu joggen. Die Arbeit mit der Goal-Card ist Gold wert.

Mein Laufen verändert sich. Ich merke es zunächst an der Atmung, sie wird während des Joggens tiefer. Ausserdem laufe ich mit der Zeit immer schneller und kraftvoller, das Traben ist lange passé. All das passiert, ohne dass ich es bewusst steuere. Je länger die Strecke ist, die ich zurück lege, desto mehr gebe ich mir innerlich die Erlaubnis, meine „Maschinen Volldampf laufen zu lassen“. Ich laufe lustvoll und glühend vor mich hin.

Natürlich gibt es sie. Die Tage, an denen es sich zunächst scheisse anfühlt zu laufen. An denen ich nach ein paar hundert Metern am liebsten umkehren würde. Weil ich fahrig und unkonzentriert bin. Weil ich hektisch atme und Seitenstehen einsetzt. Weil ein voller Schreibtisch drängt. Weil ich Gedanken wahrnehme wie „Ich habe doch eigentlich überhaupt keine Zeit zum Laufen“. Das sind interessanterweise die Tage, an denen ich etwas Entscheidendes nicht getan habe: Mich vorher zu zentrieren.

Bloß nicht aus dem Alltagsgeschehen heraus loslaufen. Bloß nicht das „Ich-muss“-Monster Huckepack nehmen. Bevor ich aufbreche, braucht es einen mentalen Break. Einen kurzen Check-In: Wie geht es mir gerade? Was denke, fühle, spüre ich? Kann ich das alles loslassen? Ich nehme ein paar Atemzüge, konzentriere mich auf den ein- und ausfliessendem Atem.

Joggen wirkt klärend auf mich. Viele Fragen, die mich bewegen, beantworten sich ohne mein Zutun. Manchmal setze ich während meines Check-In die Intention, dass ich zu einer bestimmten Frage Klarheit gewinne und laufe los. Das klappt erstaunlich oft.

Dennoch braucht es manchmal viel innere Arbeit, um dran zu bleiben. Wenn ich alleine durch die Kälte laufe und mir die Feuchtigkeit unangenehm durch jede Ritze meiner Klamotten dringt, dann braucht es Gründe zum Weiterlaufen. Argumente, die wirklich ziehen und die stärker sind als als mein Wunsch, stante pedes in meine heimelige, warme Wohnung zurückzukehren. Diese Gründe habe ich auf meiner Goal-Card notiert, mit der ich regelmäßig arbeite. Und in diesen klammen Momenten ziehe ich mir diese Gründe in Form von Bildern und Filmen auf meine innere Leinwand.

Überhaupt spielen Visualisierungen eine entscheidende Rolle für mich. Während des Laufens gebe ich meinen Muskeln gerne Anweisungen. Es sind Anweisungen wie „Alle Muskeln in meinen Beinen längen und weiten sich“. Dabei stelle mir vor, wie meine Muskeln sich entfalten, in eine optimale Ausrichtung kommen. Ich stelle mir vor, wie sie geschmeidig, kraftvoll und gut durchblutet sind. Wie sie mit Freude ihre Arbeit machen.

Man kann sich im Prinzip in jeder Lebenslage seine Muskeln lang und geschmeidig denken, beim Laufen empfinde ich es als besonders effektiv. Diese Art Anweisungen habe ich aus der Alexandertechnik.

Denke ich heute an meine ersten Laufversuche zurück, bin ich dankbar, dass ich an diesem Thema dran geblieben bin und eine Beziehung zum Laufen gefunden habe. Es bereichert mein Leben ungemein. Dabei mache ich eigentlich nur dies: Einfach laufen.

2 Kommentare

  1. Liebe Frau Momo,
    seit kurzem bin ich eine bisher stille Mitleserin des Blogs. Und oute mich heute zum ersten Mal, weil ich eine ähnliche Erfahrung mit dem Laufen gemacht habe. Als extrem unsportlicher Mensch (zu Schulzeiten wurde ich beim Mannschaftsport immer als letzte gewählt; als ich 18 war und meine eigenen Entschuldigungen schreiben konnte, versuchte ich es einmal mit „Motivationsstörungen“), waren mir sportliche Aktivitäten verhasst.
    Als mein Mann dann anfing per Intervalltraining langsam aber sicher zu einem Läufer zu werden, beäugte ich ihn kritisch, konnte mir nicht vorstellen, was daran toll sein sollte. Bis ich mich unter viel Anfeuerung meines Mannes selbst überwand und mit einer Lauf-App, bei der man genau programmieren kann wie viele Minuten man welches Intervall gehen/laufen/sprinten möchte, schließlich ganz langsam mit dem Laufen anfreundete.
    Heute ist Laufen für mich oft das beste Mittel gegen Frust, Wut, Angst, Ärger und Stress. Stattdessen tanke ich Klarheit, Freude, Energie, Lebenskraft und wohlig entspannte Muskeln, wenn es vorbei ist. Mich überrascht, dass ich als kreativer und sensibler Mensch mittlerweile so gerne laufe und ich über dieses „Ventil“ so viel zurückbekomme, manchmal sogar mehr als wenn ich mich kreativ verausgabe.
    Wie schön zu sehen, dass es anderen auch so geht!

    • Liebe Jennifer

      Vielen Dank für deine ausführlichen Zeilen. Und auch vielen Dank für das Teilen deiner „Lauf-Geschichte“.

      Intervalltraining ist ein total motivierender und „gesunder“ Weg, um das Laufen zu lernen. Ich habe dabei allerdings keine App benutzt, sondern ganz klassisch auf die Uhr geschaut. Die Uhr lasse ich heute Zuhause, ich erhebe auch keine weiteren Daten (Kilometer, Zeit, Puls, …). Ich laufe ganz nach Gefühl.

      Auch ich bin immer wieder erstaunt, wie viele „Segnungen“ das Laufen parat hält – wie du sie oben aufzählst. Bei mir kommt noch ein besserer Schlaf dazu, was für mich ein gewichtiger Grund für das Laufen ist.

      Liebe Grüße,

      Barbara / Frau Momo

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