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Ein bewegendes Jahr – wie das Entrümpeln mich veränderte

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 Ein Erfahrungsbericht

Von John Lennon stammt das Zitat „Life is what happens to you, while you’re busy making other plans“. Wie wahr das sein kann, erlebte ich im letzten Jahr.

Vor einem Jahr fing ich an, meinen Besitz gezielt zu verkleinern. Der Anlass war ein mittelfristig geplanter Umzug und ich wollte so schlank wie möglich zügeln, also mit so wenig Hausrat wie möglich.

In meinen Wohnverhältnissen steht mir viel Stauraum zur Verfügung: ein ganzes Kellerabteil, ein ganzes Bodenabteil und Einbauschränke in der Wohnung. Ich ging damals davon aus, dass ich diese großzügigen Stauraumverhältnisse in einer neuen Wohnung nicht noch einmal vorfinden würde. Deshalb entschloss ich mich dazu, vorsorglich zu entrümpeln.

Dieses Entrümpeln war nicht der Initialfunke, aber dennoch eine große Welle, die mich in eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Minimalismus spülte. Bereits vorher habe ich minimalistische Symptome gezeigt. Aber wirklich ausgebrochen ist das Minimalismus-Virus erst in diesem Jahr.

Umgezogen bin ich dann doch nicht. Aber das Reduzieren von Besitz hat mein Leben derart erleichtert, verändert und bereichert, dass ich an dieser Form des Loslassens „festhalte“. Minimalismus ist für mich mehr als Reduzieren von Besitz, aber das Reduzieren von Besitz ist wesentlicher Bestandteil und eine bewegende Erfahrung.

Das erste „Trennungsjahr“ befördert über 850 Liter Besitz in andere Hände

Mein größtes Sorgenkind war anfangs mein Keller und deshalb fing ich an dieser Stelle an, mich im Trennen von den Dingen zu üben.

Von den ehemals 14 Kartons, die sich dort fein säuberlich an der Wand entlang stapelten, sind heute drei übrig geblieben. Das sind 11 Kartons mit jeweils 77 Liter Fassungsvermögen, die ich entsorgte, also knappe 850 Liter. Der Inhalt bestand im wesentlichen aus Geschirr, Büchern, Dekorationsartikeln, technischen Kleinkram, Sportartikel, Kleidung, Lampen und Spielen.

Im Entrümplungsrausch entsorgte ich vom Boden gleich ein paar Kleinmöbelstücke mit und auch meine Wohnung blieb nicht verschont: Ich verschenkte einen guten Meter Bücher aus meinem Bücherregal, verkaufte ein Fitnessgerät, CD-Hörbücher sowie drei Balkonkästen.

Wege des Reduzierens

Wegwerfen, entsorgen, verkaufen, spenden, verschenken, teilen. Das sind die Möglichkeiten des Reduzierens. Sie unterscheiden sich vor allem durch ökologische, ökonomische und moralische/ethische Aspekte.

Tauschen, Ausleihen und Upcycling sind ebenfalls minimalistische Möglichkeiten, reduzieren aber den Besitz nicht.

Die allermeisten Gegenstände habe ich in ein gemeinnütziges Brocki gegeben. (Für alle Nicht-Schweizer: Brockis, eigentlich Brockenhäuser, sind Gebrauchtwarenladen). Einzelne Gegenstände und mein Auto habe ich verkauft, andere Dinge an Freunde oder Arbeitskollegen verschenkt.

Die Entscheidung für das Brocki hatte größtenteils soziale Gründe, d.h. ich wollte spenden und somit einen Beitrag leisten. Wobei – und das will ich nicht verleugnen – es gerade bei kleinteiligen Sachen die einfachere Lösung war, sie alle in einen Karton zu packen und sie ins Brocki zu fahren anstatt sie einzeln zu verschenken oder zu verkaufen.

Mit dem Verkaufen von Dingen habe ich ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Ich nutzte sogenannte Nachbarschafts-Anzeigen in einem kleinen Lebensmittelmarkt, gab Kleinanzeigen auf und stellte Angebote in Ricardo ein, der schweizer Variante von Ebay. Manchmal gingen die Dinge weg wie warme Semmeln, dann wieder wochenlang keine Reaktion auf meine Anzeigen oder Angebote.

Zukünftig werde ich nur noch Kleinmöbel oder größere Gegenstände an Selbstabholer auf digitalen Plattformen verkaufen, bei kleineren Gegenständen wie Büchern oder CDs steht für mich der Aufwand in einem ungünstigen Verhältnis zum Ertrag.

Keine Reue

Anfangs kämpfte ich mit dem „Das könnte ich ja irgendwann noch einmal gebrauchen und dann vermissen“ – Gedanken. Diese Sorge hat sich grundsätzlich nicht bestätigt, auch wenn der Zeitraum von einem Jahr vielleicht noch nicht lang genug ist, um das hinreichend beurteilen zu können.

Nur einmal habe ich einen Gebrauchsgegenstand gespendet, von dem ich später dachte „Schade, dass ich die weggetan habe“. Eine Fahrradtasche.

Zeitaufwändiges Entscheidungstraining

Entrümpeln ist zeitaufwändig, das habe ich komplett unterschätzt. Jeden Karton öffnen, jeden Gegenstand in die Hand nehmen und entscheiden: Was geschieht damit? Dann Häufchen bilden und sich um die Häufchen kümmern. Das eine Häufchen bleibt bei mir, das nächste zum Brocki, beim übernächsten will ich schauen, ob Freunde die Dinge brauchen können und so fort.

Zeitweise hatte ich verschiedenste Häufchen in meiner Wohnung, die sich in einem dynamischen Prozess stets veränderten, kleiner wurden und wieder zulegten. Manche Gegenstände wanderten in meiner Unentschlossenheit zwischen den verschiedenen Häufchen hin und her.

Die einzelnen Kartons durchzugehen und die Häufchen zu „pflegen“, Kleinanzeigen aufzugeben, Termine mit Käufer zu vereinbaren, mich über die Entsorgung von Sondermüll zu informieren (ein Anti-Ameisenspray – igitt!), diverse Male ins Brocki zu fahren, Dinge zu Freunden mitnehmen – all dies braucht Zeit.

Besitz verpflichtet, auch zur verantwortungsvollen Entsorgung

Dieses Jahr hat meine Einstellung zu Besitz verändert. Mir ist klar geworden, dass jeder Gegenstand, den ich in meine Wohnung bzw. in mein Leben lasse, gebraucht, gepflegt, gewartet werden will. Jeder Gegendstand braucht Platz, jeder Gegenstand braucht irgendwann die Entscheidung: Was soll damit passieren?

Jeder Gegenstand ist Energie und braucht Energie – in der einen oder anderen Form.

Besitz und seine Pflege kann auch bereichernd sein. Das ist bei mir dann der Fall, wenn ich die Kaufentscheidung sehr bewusst getroffen habe und sie aus einem wirklichen Bedarf oder Begehren getroffen wurde.

Um wichtiger wurde die Bedeutung von Fragen wie diesen für mich:

  • Was brauche ich wirklich?
  • Welche Beziehung habe ich zu dem Gegenstand?
  • Wozu möchte ich mich verpflichten?

Minimalistische Freuden

Meine Augen und mein Herz freuen sich, wenn ich heute die Kellertür öffne. Aufgeräumt und übersichtlich strahlt mich der Raum an. Ich weiß genau, wo ich etwas finde. Es ist praktisch, alles was ich wirklich zum Leben brauche, mit einem Griff parat zu haben. Ich habe einen Überblick über meinen Besitz. Ein möglicher Umzug stresst mich innerlich nicht mehr. Erleichterung pur.

Das nächste „Trennungsprojekt“ ist mein Dachbodenabteil. Und dann kommt meine Wohnung selbst dran.

6 Kommentare

  1. Hallo Barbara,

    Glückwunsch! Und JA – mach unbedingt weiter!!!

    ich hab’s auch getan letztes Jahr. Im Keller ist nur noch 1 Gartenschere und 1 Besen. Mehr brauche ich nicht. Ich freue mich jeden Tag darüber, dass mir der nächste Umzug in eine andere Stadt keine Angst mehr macht. Ich bin leichter geworden. Wollte nicht nur weniger Sachen, sondern auch leicht zu transportierende Dinge, die ich mir unter den Arm klemmen kann. Minimalistin war ich schon immer. Ich kann also nicht schreiben, dass ich zuvor 400 Bücher hatte. Ich hatte eh nur 5. Jetzt hab ich nur noch 1 vor dem Laptop liegen. Sonst kriege ich eine Sehnenscheidenentzündung. Schöner Blog. Ich hab keinen. Wäre mir zu viel Arbeit. Bin ja Minimalistin. :).

    Was mir beim Lesen auffällt: Wenn du immer noch die Freunde mitversorgst, „wer kann was noch von meinen Sachen noch gebrauchen?“ Leg das ruhig ab. Die haben alles, leben selbst im Überfluss und es ist viel wichtiger, dass du dich um dich kümmerst. Bei ausgewählten Dingen gebe ich dir recht.

    Ich liebe Entrümpeln. Man kann soviel weglassen. Und es fehlt gar nicht. Das macht das Leben so einfach!

    Liebe Grüße,
    Tanja

    • Hallo Tanja

      **Dankeschön** für deinen ausführlichen Kommentar!

      Ja, ich will unbedingt mit dem Entrümpeln weiter machen. Derzeit bin ich nur mit anderen Projekten beschäftigt und das Brockenhaus hat bald Sommerpause … ich werde es wahrscheinlich im Spätsommer/Herbst wieder angehen. Es fühlt sich wirklich freier und leichter an, flexibler.

      Das mit den leicht zu transportierenden Sachen kann ich gut nachvollziehen, mir geht es ähnlich. 😉

      Wenn ich das Gefühl habe, dass das, was ich weggeben will, für jemanden aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis wertvoll ist, dann frage ich schon nach, ob Interesse daran besteht. Dann weiss ich, dass die Dinge an einem Ort sind, wo sie nützlich/hilfreich oder aus einem anderen Grund willkommen sind. Das müssen gar keine „ausgewählten“ Dinge sein, es war im letzten Sommer beispielsweise ein Meter Bücher aus meinem Bücherregal zu einem bestimmten Thema.

      Wegen der Hochsensibilität komme ich auf dich zu …

      Liebe Grüsse
      Barbara

  2. Liebe Barbara,

    erst kürzlich habe ich dich (dank Gitte) über Twitter entdeckt. Und endlich komme ich dazu, in deinem schönen Blog zu stöbern.

    Ausmisten und Loslassen – meine Dauerbrenner-Themen, die an mir haften, wie Seepocken an einer Schriffsschraube. Daher habe ich schon mal diesen Artikel mit Freude gelesen.

    Das „zeitaufwändige Entscheidungstraining“ empfinde auch ich wirklich als Herausforderung.

    Vor einiger Zeit war ich auf einem wirklich guten Weg (und bin es im Prinzip auch noch), habe dank Ausmist-Literatur (Medele, Kando, Kingston) ganz viel aussortiert und vieles überwiegend ins Sozialkaufhaus gebracht. Einen Teil habe ich über Facebook-Flohmärkte verkauft und etliches im Freundeskreis verschenkt. Manchmal lasse ich auch kleine Dinge irgendwo an öffentlichen Orten liegen, damit sich jemand anders freut, sie zu finden ;o)

    Das fühlte sich so irre gut an!

    Ich war sozusagen im Aussortier-Flow und willens, mal so richtig Tabula rasa zu machen. Nicht um wirklich minimalistisch zu werden, aber „angemessen besitzend“.

    Dann verstarben in kurzem Abstand meine Eltern, ihres Zeichens passionierte Sammler von schönen alten Dingen… (vielen…*hust* sehr vielen Dingen) – und zack – hatte ich auf einmal einen gigantischen Haushalt mit vielen wunderschönen Gegenständen, Möbeln und Büchern geerbt.

    Abgesehen von der Trauer, fühlte ich mich im Nu um Jahre in meinem Ausmistflow zurückgeworfen. Plötzlich mit den Sachen konfrontiert zu sein, die meine Eltern schon gehortet haben und nicht loslassen konnten…puh…daran knabbere ich noch heute (da ich vieles mitgenommen habe).

    Wie gehe ich damit um?

    Ich habe vorletztes Jahr einen großen 2-tägigen Nachlassflohmarkt auf dem Grundstück meines Elternhauses gemacht, mit selbstgebackenem Kuchen, Swing-Musik und vielen Freunden, die mir geholfen haben. Es war schmerzhaft – aber zugleich schön, weil die Leute (es waren über 600 Gäste), sehr respektvoll mit den Sachen umgegangen sind. Die Freude darüber, dass sich nun andere Menschen über die schönen Dinge freuen, hat mich sehr getragen.

    Dann hab ich wegen der großen Nachfrage (und der immer noch großen Menge an Dingen) noch einen „Stöberabend“ veranstaltet. Auch der war wieder ein voller Erfolg. Vieles wechselte den Besitzer.

    Ich war also einen großen Teil der Dinge gut losgeworden und hatte ein einigermaßen gutes Gefühl, im Sinne meiner Eltern gehandelt zu haben.

    Naja, das Ende vom Lied:
    Einen Teil musste ich wohl oder übel dem Haushaltsauflöser überlassen, da ich es sonst einfach nicht geschafft hätte. Und einen anderen Teil habe ich mitgenommen. Zum einen nutze ich vieles nun selber, zum anderen verkaufe ich die Dinge Stück für Stück an echte Vintage-Liebhaber.

    Aber wie du schon schreibst: es dauert, macht viel Arbeit und zehrt Kräfte. Eine Dosis Spaß und Freude ist aber auch dabei. Und von dem Erlös etwas in Erlebniswerte (Urlaub, Feier, Massagen) umzutauschen, finde ich auch toll.

    In den letzten Tagen habe ich wieder verschärft aussortiert und als Belohnung mehr Energie bekommen. Und Lust gehabt, darüber zu bloggen.

    Und im Januar mach ich einen zweiten Vintage-Flohmarkt auf einer Swing-Veranstaltung, darauf freue ich mich schon. Dort sind echte Liebhaber unterwegs, die die alten Schätzchen zu schätzen wissen.

    Das wiederum freut mich dann – und ich kann so besser loslassen.

    Ich freue mich schon drauf, hier weiter zu stöbern. ;o)

    Herzliche Grüße
    Sabine

    • Liebe Sabine

      Dein Kommentar hat mich echt berührt, ich danke dir für deine Offenheit und das Teilen deiner Erfahrungen.

      Der Nachlassflohmarkt und auch der Stöberabend hören sich in meinen Ohren stimmig an … Sachen ehrenvoll und in einem bestimmten Ambiente weiterzugeben, z.B. unter Freunden und mit selbstgemachter Musik, gehört für mich zu den schönsten Entrümplungs-Erfahrungen. Es geht um die Art und Weise des Weitergebens und es geht darum zu wissen, dass andere Menschen Freude an den Dingen haben und sie zu schätzen wissen. Der Geist der Dinge lebt sozusagen weiter … und auch ein wenig der Geist der ehemaligen Besitzer.

      Ich grüße dich ganz herzlich

      Barbara / Frau Momo

  3. ein sehr schöner Beitrag, ich höre meinen Keller ganz laut rufen (das tut er schon länger)

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