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Drei bürotaugliche Tipps für den Umgang mit gestressten Arbeitskollegen

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„Dein Stress ist auch mein Stress“  lautet der Titel eines Artikels der Max-Planck-Gesellschaft aus dem Jahr 2014, in dem sie interessante Forschungsergebnisse zum Thema Stress veröffentlicht. Allein das Beobachten eines gestressten Menschen kann Stress im eigenen Körper erzeugen. Je näher wir diesem Menschen stehen, um so wahrscheinlicher ist es, uns vom Stress anstecken zu lassen:

„Empathischer Stress trat besonders häufig auf, wenn Beobachter in einer Paarbeziehung zu der gestressten Person standen und das Geschehen direkt über eine Glasscheibe verfolgen konnten. Aber auch wenn fremde Personen lediglich auf einem Bildschirm zu sehen waren, versetzte das einige Menschen in Alarmbereitschaft.“

Hier geht es zum Artikel der Max-Planck-Gesellschaft.

Die Beziehung zu unseren Arbeitskollegen

In den allermeisten Fällen stehen wir zu unseren Arbeitskollegen nicht in einer Paarbeziehung. Dennoch ist diese Verbindung speziell: Die Arbeitsbeziehung ist primär eine Zweckbeziehung. Wir sind durch die gemeinsame Aufgabe, den gemeinsamen Kontext der Unternehmung aufeinander eingestellt. Daraus erfährt die Beziehung ihren Sinn.

Oft können wir uns die Kollegen, mit denen wir unter Umständen täglich mehrere Stunden eng zusammen arbeiten, nicht aussuchen. Sie gehören ins Gesamt-Arrangement, das mit dem Job daher kommt.

Je nach Kontaktdichte in der täglichen Arbeit vertieft sich diese Verbindung und gestaltet sich nicht selten ambivalent. Wir wissen gewisse Eigenschaften unserer Arbeitskollegin zu schätzen und andere wiederum treiben uns innerlich auf die Palme. Ambivalente Beziehungen sind in emotionaler Hinsicht immer herausfordernd.

Was ich sagen will: Arbeitskollegen sind uns nicht fremd. Wir stehen in einer emotionalen Beziehung zu ihnen. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass emphatischer Stress in uns ausgelöst wird, wenn wir einen Kollegen erleben, der gestresst ist. Je kontaktintensiver die Zusammenarbeit und je ambivalenter die Beziehungsqualität, desto anspruchsvoller ist der Umgang miteinander, wenn Stress ins Spiel kommt.

Wenn der Stress-Funke überspringt – dann darf er überspringen

Ich erinnere mich lebhaft an eine Situation, in der mir ein ehemalige Vorgesetzter gegenüber stand. Er war unter Zeitdruck. Schweissperlen glänzten auf seiner Oberlippe. Seine Bewegungen waren hektisch, kurz, abrupt. Ich musste ein zeitkritisches Thema mit ihm besprechen und merkte deutlich, wie ich innerlich ebenfalls unruhig wurde. Ich zweifelte an seinen Entscheidungen, die mir in dieser Situation aus der Luft gegriffen zu schienen. Ich fühlte mich zwischen verschiedenen Handlungsimpulsen hin und her gerissen.

Solche Situationen waren an der Tagesordnung – an diese eine erinnere ich, weil wir anschliessend über sie sprachen. Ich erzählte meinem Vorgesetzten, dass seine Hektik bei mir Unruhe ausgelöst hatte. In einem scharfen Ton erwiderte er: „Wenn ich Stress habe, dann darf dich das nicht stressen“.

Damals war ich ein bisschen fassungslos ob dieser Aussage. Mir war intuitiv klar, dass dies eine unrealistische Erwartung an mich war. Aber ich fand für dieses Gefühl keinen Ausdruck, keine Worte. Stattdessen fühlte ich mich schuldig – als hätte ich einen Fehler gemacht.

Heute weiss ich: Doch. Sein Stress darf mich stressen. Niemand ist eine Insel, – das gilt auch für Schwingungen, die ein Mensch aussendet und die auf andere Menschen wirken.

Verantwortung übernehmen

Das ist nun freilich kein Freifahrtschein in die Verantwortungslosigkeit.

Der Philosoph Jean Paul Satre sagte sinngemäss folgendes: Ein Mensch wird ungefragt in die Existenz hinein geworfen und muss dann die Verantwortung für sein Leben übernehmen.

Ähnlich empfinde ich es mit dem Stress, der von aussen induziert ist: Ich habe nicht nach ihm gefragt oder verlangt, ich trage keine „Schuld“ an ihm. Aber er wirkt auf mich und es ist an mir, damit verantwortungsvoll umzugehen. Es gehört zum Leben dazu: Kollegen sind manchmal/öfters/immer im Stress – wie wir selbst auch.

Infiziert vom Stress – was nun?

Mit der Zeit habe ich ein Repertoire an wirksamen und bürotauglichen Strategien zusammen gesucht, die ich euch hier vorstelle. Sie dienen dem kurzfristigen Abbau von Stress im Rahmen des Arbeitstages, wenn wir in der Regel verhältnismässig wenig Zeit und Raum zum Entspannen zur Verfügung haben. Manchmal empfinde ich die folgenden Übungen als eine Art „Reset-Knopf“, den ich drücke.

Für diese Übungen ist es wichtig, sich das Folgende noch einmal zu vergegenwärtigen: Stress erfahren wir immer ganzheitlich. Wenn wir mental Stress haben, hat auch unser Körper Stress (beispielsweise steigt die Muskelanspannung). Diese Body-Mind-Verbindung kann man sich auch im umgekehrten Sinne zunutze machen: Wir können über die körperliche Ebene, also über Bewegungen, Körperhaltungen und Atmung, die Entspannungsreaktion auslösen. Ich habe festgestellt, dass ich am effektivsten Stress abbaue, wenn ich auf der körperlichen Ebene agiere.

Drei bürotaugliche Tipps für den Umgang mit gestressten Arbeitskollegen

1) Räumliche Distanz & Bewegung

Suche zeitweise eine räumliche Distanz und bewege dich:

  • Einen Gang um den Block machen (z.B. während der Mittagspause)
  • Das Treppenhaus einmal hoch und wieder herunter laufen
  • Die gemeinsame Kaffeeküche säubern
  • Das Materiallager oder das Sitzungszimmer aufräumen

Stress ist Energie, die sich entladen will. Bewegung entstresst – auch wenn es sich dabei um leichte, moderate Tätigkeiten handelt wie Gehen, Aufräumen, Saubermachen, Ordnen. Weitere Möglichkeiten:

  • Den Monitor, die Tastatur und die Maus reinigen
  • Ein nicht genutztes Zimmer aufsuchen und sich dort ein wenig nach Gusto bewegen
  • Eine private Besorgung (Apotheke, etc.) machen
2) Ausatmen

Ausatmen ist die natürliche Reaktion auf Stress.

Erinnere dich an eine Prüfungssituation in deinem Leben – an die Führerscheinprüfung oder das schriftliche/mündliche Abi. Oft atmen wir unmittelbar nach der Prüfungssituation aus. Meistens mit Sätzen wie „Puh, geschafft“ oder „Boa, bin ich froh, dass es vorbei ist“. Beobachte einmal Menschen, die aus einem Prüfungsraum heraus kommen. Sie prusten, seufzen, stöhnen – oft gepaart mit Hopsen, Federn, Schütteln.

Bewusstes Ausatmen ist ein wunderbares Entstressungsmittel und überall möglich. Es ist gut kombinierbar mit dem ersten Tipp, der Bewegung: Bei der Runde um den Block tief Luft holen und ausatmen. Dabei sich in Gedanken sagen: „Ich atme all den Stress aus“ und sich bildlich vorstellen, wie alle Belastungen entweichen.

„Puh, ich muss jetzt erst einmal tief ein- und ausatmen!“ So einen Satz können wir – je nach Situation und Beziehung – auch im Angesicht des gestressten Kollegen sagen – und ihn so vielleicht mitziehen.

Wenn du dich mehr mit der Funktion des Ausatmens beschäftigen möchtest: Ich habe einen Blogartikel dazu geschrieben.

3) Power-Posing

Power-Posing lässt bereits nach zwei Minuten das Stress-Hormon Cortisol nachweislich sinken. Es ist ebenfalls eine einfache Möglichkeit über den Körper bzw. über eine Körperhaltung Stress aufzulösen.

Die Sozialpsychologin Amy Cuddy hat in Forschungen folgendes heraus gefunden: Personen, die für zwei Minuten eine Pose halten, die Macht ausdrückt, haben anschliessend einen niedrigeren Cortisol-Spiegel und wirken auf andere Menschen selbstbewusster. Ihre Ergebnisse und Empfehlungen trägt Amy Cuddy in diesem sehenswerten Video zusammen (englisch, ca. 17 Minuten).

Power-Posing ist auf zweierlei Art am Arbeitsplatz nutzbar:

  • Vor oder nach stressreichen Situationen in ein unbenutztes Zimmer gehen (zur Not auf’s WC). Für ein paar Minuten eine Pose einnehmen, die Selbstwirksamkeit, Kraft, Zuversicht, Würde ausstrahlt.
  • Während einer stressreichen Situation darauf achten, dass der Oberkörper gerade und die Arme und Beine möglichst offen auseinander (also nicht gekreuzt) sind. Mit dieser expandierenden Körperhaltung unterstützt du dein System, nicht zu viele Stresshormone aufzubauen.

Anregungen für Power-Posen erhältst du im Internet, indem du bei der Google-Bildsuche „Power Posing“ eingibst.

 

Ein weiterer Tipp

Für mehr Gelassenheit im Arbeitsalltag setzen sich die Macherinnen der Gelassenheitsformel ein. Sylvie Bueb und Martina Baehr geben auf ihrem Blog praxisnahe Tipps zur gelassenen Bewältigung des Projekt- und Büroalltags. Der Artikel „Wenn nur der nervige Kollege nicht wäre …“ ist meine Inspiration zu diesem Beitrag.

5 Kommentare

  1. Vielen Dank für die Tipps,
    Klopfen und Power-Posing kannte ich noch nicht. Werde ich brauchen 🙂
    Viele Grüße,
    Marlene

  2. Vielen Dank für diesen Hinweis auf unsere website. Ich habe mich schon gewundert warum die Besucher kamen, aber der Kommentar/Backlink ist von unserer Anti Spam Bee aussortiert worden. Da kann man mal wieder sehen, was Maschinen, die automatisiert vorgehen, alles anrichten können 🙂

    Ihr Artikel gefällt mir gut, bürotaugliche Anti-Stress-Strategien sollte sich wirklich jeder zulegen.

    Herzlichen Dank
    Martina Behr

  3. Hallo Frau Momo!
    Seit vielen Jahren habe ich auch sehr gute Erfahrungen mit zwei Strategien gemacht, die auch auf Deiner Liste stehen: 1) Bewegung, am besten regelmäßig laufen gehen oder in Akutsituationen SPRINTEN (was für mich Home-Office-Worker leicht zu realisieren ist) und 2) Atmen – bewusst ein und ausatmen. Ausatmen ist tatsächlich „wichtiger“, weil man unter Stress dazu neigt, die Luft anzuhalten oder nur sehr flach zu atmen.
    Als 3. Strategie, die Du nicht aufgeführt hast, bzw. die bei Dir unter Bewegung anklingt, würde ich noch nennen: tendenziell repetitive, manuelle, leicht kreative Tätigkeiten, wie bspw. Kochen, Stricken, Mandalas oder Doodles malen… typische Flowtätigkeiten, in denen man versinken kann.
    Die beiden anderen Strategien werde ich sicher auch mal für mich ausprobieren. Das Powerposing ist mir in ähnlicher Form schon mal beim ZRM begegnet und stelle ich mir sehr wirkungsvoll vor. Werde ich probieren! Danke fürs Teilen!
    VG silke

    • Liebe Silke

      Ja, das stimmt, die Erfahrung habe ich auch gemacht: repetitive, kreative Tätigkeiten wirken entspannend. Vielen Dank für diese Ergänzung!

      Ich male dann z.B. solche Bilder:

      Dabei gehr es weniger um Kunst als um das Ausmalen der kleinen Felder.

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