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Die drei Wunder des Vortages

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Lieber Alexander, lieber Jan,

habt Dank für diesen lässigen Podcast SMS auf Papier: die Sendung zum Runterkommen. Eigentlich wünscht ihr euch einen klassisch analogen, handgeschriebenen Kommentar, ich weiß. Aber ich hatte eh vor, eines Tages über Die drei Wunder des Vortages zu schreiben. So packe ich die Gelegenheit beim Schopfe und mache kurzerhand einen Blogbeitrag, den ich verlinken kann. Ein bisschen was Handschriftliches bekommt ihr dennoch (—> Beitragsbild), sogar mit Tinte verfasst.

In eurem siebenundzwanzigstem Podcast geht ihr der Frage nach, wie Abschalten im Jahr 2016 funktioniert. Neben den Entspannungs-Klassikern wie Sport oder Sauna nennt ihr noch so schöne Dinge wie Karstadt (als ein Ort ohne Bezug zur Gegenwart – hahaha), SMS auf Papier und das Konzept des Gut-Genug-Seins. Und ihr wollt von euren Hörern wissen, was sie denn zum Runterkommen alles so anstellen. Voilà!

Nach dem Ausschau halten, was sich verändert

Ich habe da so ein kleines Ritual. Jeden Tag notiere ich mir Die drei Wunder des Vortages. Mit einem Bulletproof Coffee liege ich im Bett, lasse den vorherigen Tag Revue passieren und überlege mir, welche drei Wunder am Vortag in meinem Leben geschehen sind.

Wunder – das klingt nun erst einmal arg übernatürlich. Es ist zugegebenermassen auch nicht wirklich der korrekte oder passende Begriff dafür. Aber es ist halt ein wunderbares Wort und das Ritual brauchte einen Namen.

Es geht darum, dass ich mir drei Dinge suche, die ich am Vortag als anders oder neu erfahren habe.

Ich halte nach Anzeichen Ausschau, die bezeugen, dass sich mein Erleben, mein Denken, mein Handeln, meine Beziehungen verändern: Nach Vorhaben, die gelingen; nach Tätigkeiten, die nun leichter von der Hand gehen; nach Situationen, die eine andere Qualität haben; nach neuen Themen und Inhalten, die in mein Leben kommen; nach Bewegungen, die sich flüssiger anfühlen.

  • Bei der Yoga-Stellung „Halber Schmetterling“ ging plötzlich was – ich beugte mich viel weiter nach vorne als sonst.
  • Das Eis zwischen XY und mir scheint gebrochen, wir hatten ein lockeres, angeregtes Gespräch.
  • „Nein, diese Hintergrundmusik stört mich überhaupt nicht“ – das habe ich geräuschempfindliches Huhn tatsächlich gesagt – und auch so gemeint!
  • Dokumentation über Michail Chodorkowski unerwartet interessant gefunden.
  • In dem erwartet schwierigen Gespräch mit XY tatsächlich die Ruhe behalten, vorher für gute Gesprächsbedingungen gesorgt. Konnte ihre Reaktion akzeptieren.

Wichtig ist mir meine Bereitschaft, kleine, scheinbar unspektakuläre Nuancen von Veränderung wahrzunehmen: ein achtsames Innehalten wo sonst ein automatisches Denkmuster einsetzte, die winzige Geste eines Lächelns hier, ein Hauch von plötzlichem Gelingen dort.

Interessant ist auch zu schauen, was NICHT mehr in meinem Leben ist – manchmal fällt mir das erst nach einer Weile auf: Schmerzen oder Symptome, die nicht mehr da sind, gewohnte Reaktionen auf bestimmte Situationen, die ausbleiben oder auch nur die laute Standuhr meiner Nachbarn, die wie durch ein Wunder seit ein paar Tagen verstummt ist.

Die entscheidende Frage ist: Was habe ich als anders/neu erfahren? Der Massstab ist mein inneres Erleben und – ganz klar – meine subjektive Bewertung.

Warum hilft mir dieses Ritual beim Runterkommen?

Neulich erlebe ich so eine Situation, in der ich denke: „Scheisse, wieder voll im alten Fahrwasser.“ Eines von diesen Lebens-Themen. Entsprechend gross ist die Kavallerie dunkler Frustrations- und Ohnmachtswolken, die sich flugs im Anmarsch befindet, mitsamt der dazugehörigen Anspannung im Gepäck.

Doch dann, im Gespräch mit einer Freundin, wird mir recht schnell klar: Nein, das stimmt nicht. Ich bin nicht in demselben Fahrwasser, auch wenn es Parallelen geben mag. Es hat sich etwas verändert und es ist sich am Verändern. Und diese Veränderung ist sogar dokumentiert.

In diesem Moment zu wissen, dass doch etwas gegangen ist, ist äusserst beruhigend. Ich habe die Gewissheit, über ein anderes Erfahrungs- und Verhaltensrepertoire zu verfügen, auf das ich zurück greifen kann. Gleichzeitig fühle ich mich verbunden mit einem beständigen Strom der Veränderung, der mich durch diese Situation trägt. Das Resultat: innere Gelassenheit.

Das ist mir spontan zu eurem Podcast und der Frage, wie man im Jahr 2016 Runterkommen kann, eingefallen. Dem Ritual  Die drei Wunder des Vortages gehe ich eigentlich nach, um mein Denken und meine Wahrnehmung frisch zu halten. Nun schenkte es mir in einer speziellen Situation Gelassenheit – und damit übrigens ein neues Wunder vom Vortag.

Viele Grüsse

Barbara / Frau Momo

 

3 Kommentare

  1. Liebe Barbara,
    wobei Frau Momo auch wirklich ein toll klingender Name ist.
    Hab‘ vielen Dank für Deinen tollen, geheimnisvollen und absolut inspirierenden Blogpost… mit Titel aus Tinte…
    Das ist eine ganz tolle Idee und wirklich fein und eingängig beschrieben.
    Wir freuen uns über diese tolle Rückmeldung zum Runterkommen.
    Und Dein Blog ist sowieso eine „Reise“ wert!
    Bis ganz bald und liebe Grüß
    Alexander vom PsychCast

  2. Hi Frau Momo,
    vielen Dank für diesen schönen Artikel. Wir hatten ja versprochen, alle neuen Vorschläge selbst auszuprobieren, und ich werde auf jeden Fall die Technik der drei Wunder ausprobieren. Auch ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, abends aufzuschreiben, was gut gelaufen ist, und wie Du schon sagst, das können auch sehr kleine Dinge sein.
    Beste Grüße,
    Dein jan von den Psychiatern

  3. Guten Tag Frau Momo, eine schöne und sehr nachfühlende Schreibe zu Ihren inneren Fahrwassern haben Sie!
    Besonders: „„Scheisse, wieder voll im alten Fahrwasser.“ Eines von diesen Lebens-Themen. Entsprechend gross ist die Kavallerie dunkler Frustrations- und Ohnmachtswolken, die sich flugs im Anmarsch befindet, mitsamt der dazugehörigen Anspannung im Gepäck.“ Alleine dieser Absatz zaubert mir unglaubliche Bilder zu einem Teil meiner inneren Vorgänge.
    Sogar die Wanduhr ihres Nachbarn ’spielt‘ mit und verfällt ins Schweigen. Wunder? Schiksal? Oder einfach Transzendenz…? Völlig schnurz, wenn das unterm Strich wahrhaftige Gelassenheit ist.

    Danke für Ihre offene und ehrliche Reflektion. Ich verbleibe mit besten Grüße, Sandra K.

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