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Begrenzter Waschküchenblues

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Der Waschküchenschlüssel

Der Waschküchenschlüssel

Minimalismus geht weit über das materielle Entrümpeln hinaus (ich kann es ja gar nicht oft genug betonen) und hat insbesondere auch mit einem bewussten Umgang mit Grenzen zu tun. Und weil mir das so ein Anliegen ist, folgt heute ein Beitrag über eine ganz besondere Grenze in Form eines Waschküchenschlüssels.

Wäschewaschen in der Schweiz: Eine ganz eigene Angelegenheit

In der Schweiz ist es üblich, dass Wohnungen inklusive Waschgelegenheit vermietet werden. In modernen und grösseren Wohnungen ist ein sogenannter Waschturm im Mietzins inbegriffen: Waschmaschine und Trockner, die übereinander getürmt in der Regel im Badezimmer stehen. Aber bei den meisten Wohnungen gibt es im Haus eine Waschküche, oft eine Kombination aus Waschmaschine und Trockenkeller, die von allen Hausbewohnern genutzt wird.

Echt praktisch, man schleppt also beim Zügeln nicht dieses utraschwere Ding von Waschmaschine mit und schont so die Wirbelsäulen der Umzugshelfer. Man muss sich auch nicht mit all diesen unerquicklichen Fragen auseinandersetzen, die der Besitz einer Waschmaschine oft zwangsläufig mit sich bringt: Wo anschliessen? Sieht meine Küche oder mein Bad aus wie ein wildes Sammelsurium von nicht aufeinander abgestimmten Möbeln und Geräten? Will der Handwerker mich über’s Ohr hauen oder braucht die Maschine tatsächlich all diese Ersatzteile? (Denn wenn das Ding nicht läuft, ruft man einfach den Hausabwart oder den Vermieter/Verwalter an).

Die Waschküche ist eine Schweizer Institution. Sie ist Quelle unzähliger Anekdoten und leider auch tiefer Zerwürfnisse unter Hausbewohnern. Laut Statistik geht es in 60 % aller Mietstreitereien vor Gericht in der Schweiz um die Waschküche und ihre Nutzung. (Quelle: www.blogwiese.ch).

Der Weg zum friedvollen Waschen ist mit vielen Hindernissen gepflastert

Die gemeinschaftliche Nutzung eines Raumes, der eine so wichtige Funktion wie das Wäschewaschen hat, stellt grosse Hausforderungen an die sozialen Fähigkeiten aller Beteiligten. Für erregte Gemüter sorgen: Betätigen der Waschmaschine zu Unzeiten, nicht gereinigte Waschpulver-Schubladen, ungeleerte Filter, auf den Boden verstreutes Waschmittel und verwaiste, leere Waschmittelpackungen, nicht abgehängte Wäsche oder (noch schlimmer) in der Maschine vergessene Wäsche mitsamt der Streitfrage, ob man diese dann einfach aus der Maschine nehmen darf oder nicht.

Eines der grössten Vergehen ist das Nicht-Einhalten des Waschplans – es darf nur waschen, wer laut Plan dran ist. In viele Waschpläne darf man sich freihändig eintragen und um einen Platz in der bevorzugten Lieblingszeit zu ergattern, wird schon mal eigenmächtig der Name des Nachbarn mal eben ausradiert und überschrieben. In meinem Freundeskreis gab es gar einen grimmig und bedrohlich aussehenden fremden Mann, der plötzlich in der Tür der Waschküche auftauchte, wütend schnaubte und sich dann wieder verzog.

Man darf die Bedeutung der Waschküche im Schweizerischen Zusammenleben wirklich nicht unterschätzen. Der Schweizer Schriftsteller Hugo Loetscher widmete dem Phänomen eine Kurzgeschichte und benannte gar eines seiner Bücher danach: „Der Waschküchenschlüssel oder Was – wenn Gott Schweizer wäre“.

Ermöglicht ein starrer Waschturnus den Hausfrieden?

Um so mehr weiss ich es zu schätzen: In dem Haus, in dem ich lebe, läuft’s tiptop. Von fremden, bedrohlichen Männern keine Spur und auch keine waschkücheninduzierten Nachbarschaftsstreitereien.

Das mag unter anderem an dem starren Waschturnus liegen, der alle „Ich bin nun aber dran ich hatte mich im Plan eingetragen und wurde dann ausradiert“ – Streitereien im Keim erstickt: Alle zwei Wochen an einem fest definierten Wochentag ist die Waschküche für 48 Stunden mein Reich. Meine Zeit beginnt um 18.00 Uhr abends und endet zwei Tage später, ebenfalls um 18.00 Uhr abends. Dann habe ich die Waschküche leer und natürlich vorbildlich gereinigt abzugeben.

Wenn ich das bei Gelegenheit erzähle, führt das eigentlich immer nur zu einer Reaktion: „Oh wie schrecklich!!!“ Entsetzen, weit aufgerissene Augen, Kopfschütteln und mehr als einmal die Empfehlung, ich möge mir doch eine kleine Waschmaschine für die Wohnung zulegen. Dann sei ich flexibler und dann könne ich waschen, wann ich wolle.

Flexibler Umgang mit Grenzen statt grenzenlose Flexibilität

Und hier komme ich zum Thema Grenzen und Umgang mit Begrenzungen. Eine Waschmaschine zu kaufen – obwohl eine zur Verfügung steht – um flexibel zu sein? Aber wie flexibel sind wir wirklich, wenn wir mit Grenzen nicht umgehen können?

Jederzeit seine Wäsche waschen zu können empfinde ich als einen ähnlichen Anspruch wie jederzeit Erdbeeren im Supermarkt zu kaufen, E-Mails auch im Flugzeug zu checken oder auf einen (sowieso viel zu überteuerten) Dispo für Konsum- und Sportankäufe zurück greifen zu können.

Meine Standard-Antwort lautet: „Alles eine Frage der Organisation“. Ich habe mir mein Leben so eingerichtet, dass ich alle zwei Wochen an einem fest definierten Abend meine Wäsche wasche und zum Trocknen aufhänge. Zwischen den Fuhren pütscher ich im Haushalt herum, so dass dieser Abend mein Haushaltsabend geworden ist. [Und wer hier schon länger mitliest, der weiss, dass ich Rituale und Routinen toll finde]. 

Für den Fall, dass ich tatsächlich einmal an meinem Waschtag etwas Wichtigeres vorhabe oder verreist bin,

  • habe ich einen Kleiderschrank, mit dem ich im Sommer wie im Winter 4 Wochen leben kann.
  • kann ich mit meinen Nachbarn sprechen und eine Fuhre zwischendurch machen, die ich dann in der Wohnung oder auf dem Balkon aufhänge.
  • gibt es die gute, alte Handwäsche.

Waschtage und Prioritätenlisten

Eine andere recht häufige Reaktion auf meinen Waschturnus: Wenn ich einen Terminvorschlag mit den Worten ablehne: „Da kann ich nicht, ich habe Waschtag“, kontert mein Gegenüber öfters einmal mit einem  „Ja, aber den kannst du wohl doch mal verschieben / ausfallen lassen“.

Natürlich kann ich das. Und ab und an tue ich es auch. Bezeichnend finde ich nur die Selbstverständlichkeit, mit der mein Gegenüber annimmt, der Waschtag habe auf meiner Prioritätenliste ganz unten zu stehen, weil eben nichts so unsexy ist wie ein Waschtag.

Dabei will mein Haushalt so oder so gemacht werden, es gibt quasi kein Drumherum, es ist nur eine Frage des WIE. Eher „schnell mal eben“ reingeschoben wenn es passt, zwischen zwei Veranstaltungen, oder routinemässig an einem Waschtag.

Ein Waschtag macht das Leben nicht ärmer oder schlechter, ganz im Gegenteil. Regelmäßigkeit ist eine Freundin, das gilt auch für Waschküchentage.

10 Kommentare

  1. Hallo Barbara,

    nach dem Lesen habe ich festgestellt, dass ich den Blues vermisse. 😛

    Ich empfinde das als wunderbare Lösung! Die Waschmaschinenfrage stelle ich mir in letzter Zeit häufiger. Bisher gab es eine WG-interne Waschmaschine oder ich habe eben auf Waschsalons zurückgegriffen. In einer eigenen Wohnung hätte ich aber keine Lust auf eine Waschmaschine.

    Alle 14 Tage wären momentan auf jeden Fall zu knapp für mich, denn mit meiner Kleidung komme ich mittlerweile in den seltensten Fällen zwei Wochen hin.

    Lieber Gruß,
    Philipp

    • Hallo Philipp

      Der Blues ist – wie der Titel sagt – begrenzt. Denn natürlich bin ich manchmal zwischen dem Waschtag und einer anderen Option hin- und hergerissen. Und auch wenn ich meinen Umgang mit den Reaktionen meiner Mitmenschen gefunden habe, so wirken sie natürlich dennoch auf mich.

      Wenn ich wie du ein Nomade wäre, würde mir ein 14-tägiger Rhythmus vermutlich auch nicht langen.

      Lieber Gruß,

      Barbara

  2. Einerseits hab ich gedacht, ohgottohgottohgott, was ist denn da in der Schweiz los. Anderseits hab ich voll die Sympathie gegenüber Waschtürmen, Waschtagen und Ritualen. Selbst die Reibereien unter den Parteien, find ich irgendwie charmant. Aber am Ende bin ich doch total dankbar, dass meine geliebte Waschmaschine ganz nah bei mir in der Wohnung steht. Die Waschmaschine meiner letzten Begleiterin stand auch in so einem Gemeinschaftsraum. Das Waschen an sich war immer voll der Act, musste aus der Wohnung raus, die ganzen Treppen runter in den Keller, hat alles Zeit gekostet. Ich genieße den Luxus sehr, völlig flexibel zu waschen. Ich hab da leider auch keine Gnade mit meiner Nachbarin und schalte gern mal spätabends die Maschine an.

    • Cool, so unterschiedlich können Menschen sein. Mir geht’s nämlich genau anders herum. Ich bin froh, dass ich keine Waschmaschine in meiner Wohnung habe, ist für mich überhaupt kein Möbelstück. Mich nervt schon der Wäschekorb, in dem ich meine Wäsche sammle. Am liebsten hätte ich einen Wäscheschacht: Und schwupps, weg damit. Das Treppauf und Treppab in die Waschküche nehme ich sportlich, wird alles meinem Fitnesskonto gutgeschrieben. Und dass ich keinen Wäscheständer in der Wohnung herum stehen habe, finde ich auch gut. Fehlt eigentlich nur noch die Bügelfee zum Glück …. 😉

  3. Hallo!

    Du brauchst aber nur für Dich alleine zu waschen, oder? Ich wasche für 2-3 Personen und habe in 2 Wochen ca. 7 Maschinen Wäsche (inkl. Handtücher und Bettwäsche).

    Das wäre mir echt zu stressig in so kurzer Zeit so viel zu waschen.

    Als wir noch zu viert waren und ich Windelkinder hatte, bin ich auf 10 – 14 Maschinen Wäsche pro Woche gekommen, weil ich beide Kinder gleichzeitig mit Stoffwindeln gewickelt habe. Nicht wirklich praktikabel, wenn ich nicht täglich gewaschen habe.

    Aber für einen alleine geht das sicher ganz gut denke ich mir.

    Als ich noch Kind war, gab es auch im Keller eine Gemeinschaftswaschmaschine und am Dachboden wurde aufgehängt.

    lg
    Maria

    • Hallo Maria

      Ja, ich wasche für mich alleine, deshalb bin ich natürlich flexibler.

      In meinem Haus gibt es auch Zwei- und Dreipersonenhaushalte, die den gleichen Waschturnus haben. Allerdings ist die einzige Familie mit Kleinkind gerade ausgezogen, ob es am Waschturnus lag, weiss ich nicht.

      Liebe Grüsse

      Barbara

  4. Hallo Barbara,

    da würde ich mein eigenes Ding machen und einen Toplader in die Wohnung stellen und dazu Erdbeeren essen. Mich an Pläne halten ist nicht so meins.

    Viele Grüße
    Tanja

    • Hallo Tanja,

      Erdbeeren (so lecker!) die esse ich auch so, ohne Toplader. Bin ja eher der „Ich kann mich gut an Pläne halten“-Typ.

      Viele Grüsse,

      Barbara

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