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Aufhören, Augenblicke festhalten zu wollen?

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Vergangenes einfach vergangen sein lassen?

Der Schweizer Künstler Jean Tinguley warf im März 1959 aus einem Flugzeug über Düsseldorf sein Manifest für Statik ab:

Es bewegt sich alles. Stillstand gibt es nicht. Lasst Euch nicht von überlebten Zeitbegriffen beherrschen. Fort mit den Stunden, Sekunden und Minuten. Hört auf, der Veränderlichkeit zu widerstehen. SEID IN DER ZEIT – SEID STATISCH, SEID STATISCH – MIT DER BEWEGUNG. Für Statik, im Jetzt stattfindenden JETZT. Widersteht den angstvollen Schwächeanfällen, Bewegtes anzuhalten, Augenblicke zu versteinern und Lebendiges zu töten. Gebt es auf, immer wieder ‚Werte‘ aufzustellen die doch in sich zusammenfallen. Seid frei, lebt! Hört auf, die Zeit zu ‚malen‘. Lasst es sein, Kathedralen und Pyramiden zu bauen, die zerbröckeln wie Zuckerwerk. Atmet tief, lebt im Jetzt, lebt auf und in der Zeit. Für eine schöne und absolute Wirklichkeit!

Wortfetzen von diesem Manifest kommen mir in den Sinn, als ich am jüngsten Minimalismus-Stammtisch in Waldshut teilnehme. Hört auf, der Veränderlichkeit zu widerstehen. …. Widersteht den angstvollen Schwächenanfällen, Bewegtes anzuhalten, Augenblicke zu versteinern …

Vom Umgang mit nicht ersetzbaren Dingen aus der Vergangenheit

Eine Teilnehmerin des Treffens erzählt von ihrem Vorhaben, alle ihre Fotos digitalisieren zu wollen. Das ist der Auslöser für eine angeregte und lange Diskussion über den Umgang mit Erinnerungsstücken wie Fotografien und Tagebücher. Dabei dreht sich alles um die Frage: Warum all dieses Zeugs überhaupt aufheben? Und: Kann man einen lebendigen Augenblick überhaupt auf diese Art und Weise konservieren?

Da der Umgang mit emotionsbehafteten und individuellen, nicht ersetzbaren Erinnerungsstücken oft Gegenstand von Entrümplung-Gesprächen sind, gebe ich hier verschiedene Aspekte der Diskussion wieder, die verschiedene Standpunkte spiegeln:

  • In Tagebüchern werden oft negative Erlebnisse festgehalten. Deshalb heben wir mit Tagebüchern überwiegend negative Erinnerungen auf, – ein Grund mehr, um sich ihrer zu entledigen.
  • Wir speichern in unseren Erinnerungen die Vergangenheit anders ab, als sie wirklich war. Deshalb lohnt es sich, Tagebücher aufzuheben. Das ermöglicht uns, unsere Erinnerungen anhand der Aufzeichnungen zu überprüfen. Für eine Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie kann dies wertvoll sein.
  • Mit dem Schreiben eines Tagebuches verarbeiten wir mitunter ganz bewusst negative Erlebnisse. Deshalb kann man sie hinterher – nach der Verarbeitung – getrost wegwerfen.
  • Im Todesfall werden unsere Erinnerungsstücke höchstwahrscheinlich eh unbesehen auf den Müll landen. Deshalb kann man sie auch gleich entrümpeln, als diesen Job den nächsten Angehörigen zu überlassen.
  • Wenn man Bilder schiesst, ist man mit dem Schiessen von Bildern beschäftigt – und nicht mit dem gegenwärtigen Moment. So kann ein spektakulärer Sonnenuntergang zwar auf einem Foto verewigt sein, aber nicht wirklich er-lebt. Deshalb können wir ganz damit aufhören, Bilder zu machen, uns auf das Leben konzentrieren und unsere digitalen Aufnahmen löschen.
  • Bilder immer wieder zu zeigen und zu erläutern, kann anstrengend und abtörnend sein (für beide Seiten, man denke nur an den berühmten Dia-Abend). Give it a rest!

Ich selbst vernichtete vor langer Zeit (ca. 1999) alle meine Tagebücher. Ich habe es ab und an kurz bereut, weil ich bestimmte Erinnerungen gerne mit meinen Aufzeichnungen abgeglichen hätte. Diesen Umgang mit Reue habe ich allerdings – auch wenn sich das „strange“ anhören mag – immer wieder als bereichernd befunden (hier ist der Blogpost dazu). Eng damit verbunden habe ich mir wiederholt die Frage gestellt, ob es sich wirklich lohnt, mich in der Vergangenheit aufzuhalten.

Gefühle der Vergangenheit – gehören der Vergangenheit!?

Kennst du das auch, dass du dich beim Anblick von Fotos oder beim Lesen von alten Tagebüchern/Superbüchern genau daran erinnerst, wie du dich zu der Zeit damals gefühlt hast, welches Lebensgefühl vorherrschend war? Vor allem das Betrachten von Bildern aktiviert Gefühlsqualitäten. Unser Sehsinn hat die höchste Aufnahmefähigkeit von allen Sinnen. Er liefert ca. 80 Prozent aller Informationen, die das Gehirn verarbeitet. Und ein visueller Sinneseindruck ist – durch die ihm enthaltenen Symbole und Botschaften – häufig äusserst komplex. Er ruft eine Menge an Assoziationen und Emotionen hervor. Wer viele negative oder gar traumatische Erfahrungen hat, sollte es sich überlegen, ob er diese durch Betrachten von Bildern immer wieder aktivieren will. Darüber hinaus ist die Frage, ob die Gefühlsqualitäten von damals nicht einfach auch dorthin gehören: Nach damals.

Wir haben nur den gegenwärtigen Moment zur Verfügung

Das Aufheben und Betrachten von Fotos, Tagebüchern (und Briefen) hält die Vergangenheit lebendig. Dafür mag es Gründe geben, doch eines steht fest: Das Leben findet JETZT statt und mit jedem Gedanken an die Vergangenheit (oder auch an die Zukunft) sind wir nicht im gegenwärtigen Augenblick. Der jetzige Augenblick ist aber der einzige uns zur Verfügung stehende Moment, in dem wir so etwas wie Zufriedenheit/Glück/Erfüllung/…  erfahren können – alles andere sind (lediglich) Gedanken.

Der Meditationslehrer Sandy Newbigging geht soweit zu sagen: „Verschwenden Sie keinen zweiten willentlichen Gedanken an vergangene Momente; dort werden Sie keinen Frieden Finden, ebensowenig in der Zukunft.“

Die Vergangenheit verändert sich sowieso – ein Grund sie loszulassen?

In der Auseinandersetzung mit dem Thema Vergangenheit merke ich, dass es die Vergangenheit nicht gibt. Meine Erinnerungen verändern sich, so wie ich mich verändere. Erinnerungen sind instabile Momente und nicht statisch. Wer mehrmals hintereinander dieselbe Geschichte erzählt (oder denselben Dia-Abend veranstaltet), kommt genau mit diesem Phänomen in Kontakt: Das Gefühl (und damit ein wesentlicher Bestandteil der Erinnerung) verändert sich.

Eine Erinnerung abzurufen ist für das Gehirn ein aktiver Prozess, bei dem die Erinnerung hervor gekramt, abgespielt und bei jedem Abspielen immer ein wenig umgeformt wird. Abgesehen davon, wissen wir nicht, ob wir wirklich die Wahrheit/Wirklichkeit abgespeichert haben.

Mein (vorläufiges) Fazit

Vielleicht geht es um einen bewussten Umgang mit der Frage, was ich dokumentieren möchte und welche Funktion das Dokumentieren hat. Was nützt es mir, die Vergangenheit lebendig zu halten? Wozu dient es mir? Bereichert es mein Leben? Vereinfacht es mein Leben? Mag ich diese Dokumente der Vergangenheit?

Es geht meines Erachtens nicht um die Frage, ob ich 10, 100 oder 1000 digitale oder analoge Bilder verwahre. (Genauso wenig, wie es beim Minimalismus nicht um die berühmte „100 Dinge Frage“ geht). Sondern es geht um Fragen wie: Wozu nutze/brauche ich diese Bilder? Welche Gefühle vermitteln sie mir beim Betrachten? Welche Bedürfnisse erfülle ich mir, wenn ich die Bilder aufbewahre oder entrümple und welche Rolle spielen diese Bedürfnisse in meinem Leben? Bis zu welchem Punkt verspüre ich Sinn und ab welchen Punkt verspüre ich Ballast?

Ähnlich denke ich über Tagebücher. Beispielsweise beschreiben ich in meinem Beitrag Die drei Wunder des Vortags, wie die Dokumentation dessen, was sich verändert, mein Leben erleichtert.

Widersteht den angstvollen Schwächeanfällen, Bewegtes anzuhalten, Augenblicke zu versteinern und Lebendiges zu töten schreibt Tinguley. Ironischerweise hat sich Jean Tinguley mit seinen sich ständig bewegenden Objekten ein bleibendes Kunstwerk geschaffen:

2 Kommentare

  1. Das ist Wasser auf meine Mühle. Ich habe neulich etliche Fotos gelöscht, war sicher nicht die letzte Runde. Und Tagebücher habe ich noch nie verwahrt, ich schaue da ohnehin nicht mehr rein. Exakt 1978 hatte ich meine erste Minimalisierungswelle: Schule beendet und alle – wirklich alle Hefte mit größtem Vergnügen fein säuberlich in feinste Schnitzel zerrissen und im Holzofen, der in der Werkstatt meines Vaters statt mit Freuden verbrannt. War das cool!

  2. Ja, das mit dem Moment ist tatsächlich so ein Ding. Eigentlich ist das sehr nah am Zen – hast du dir das schon mal angeschaut?

    Viele Grüße
    Sven

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